In den letzten Wochen ist das Schlagwort von der "deutschen Selbstversöhnung" aufgekommen. Es beschreibt zunächst nur einen Befund, bietet aber zugleich eine Erklärung an. Der Befund meint eine historische Selbstwahrnehmung, die mit der Aufforderung zum genauen Hinsehen, zur Artikulation von Gefühlen und Mitleid neue Gerechtigkeit für die Kriegsgeneration einklagt. Wolfgang Thierse hat das bei der Vorstellung eines Buches von Gregor Thum über Breslau 1945 einmal zum Ausdruck gebracht, als er sagte, er habe zwar keine persönliche Erinnerungen an Breslau, "aber ich weiß aus unendlich vielen Erzählungen meiner Eltern und Großeltern nur zu gut, was es bedeutete, in dieser Stadt zu leben – und sie verlassen zu müssen. So wuchs ich – fern von meiner Geburtsstadt – auf mit den Erinnerungen meiner Familie an Breslau, kannte Straßen, Plätze und Kirchen mit Namen, lange bevor ich sie als Erwachsener besuchen konnte."

Mit anderen Worten: Die Chiffre "1945" ist ins deutsche Erinnerungskollektiv zurückgekehrt. Bombenkrieg, Flucht und Vertreibung, Massenvergewaltigungen und Kriegsgefangenschaft sind die neuerdings viel besprochenen Themen, in denen deutscher Opfer gedacht wird. Dieses Gedenken selbst als auch seine Bedeutung wird jedoch höchst unterschiedlich eingeschätzt. Die "deutsche Versöhnung mit sich selbst", hat Angela Merkel in Fortführung der ost-west-deutschen Einigungsrhetorik formuliert, sei ein "nationales Projekt", das sich nicht im Gegensatz zu anderen "konstruieren" lasse. Das heißt, der Diskurs über die deutsche "Selbstversöhnung" ist sozusagen als Vergangenheits-Innenpolitik zu betrachten, sie zu kritisieren wäre illegitime Einmischung von außen. In der Tat lassen sich nach diesem Muster die heftigen Reaktionen und Gegenreaktionen in der Debatte um das Zentrum für Vertreibung deuten.

Die "deutsche Opferinszenierung", die Achatz von Müller (ZEIT Nr. 44/03) kritisierte, zeigte an dieser Stelle wirklich eine "magische Logik", eine Logik, nach der es "endlich" an der Zeit sei, auch für Deutschland und Deutsche zu tun, was man zuvor bereits für jüdische Opfer geleistet habe. Mehr noch: Die sprichwörtliche deutsche Aufarbeitung der Vergangenheit, jahrzehntelang als von außen erwartet, gefordert und auferlegt wahrgenommen, konnte nun umgekehrt auch anderen abverlangt werden. Bernd Ulrich (ZEIT Nr. 45/03) hat die Kritik an der Selbstversöhnung zurückgewiesen und dafür plädiert, ihre positiven Seiten zu sehen. Das Besondere des Jahres 2003 bestehe darin, so Ulrich, dass die alte ideologische Gegensätzlichkeit in der Interpretation deutscher Vergangenheit einer neuen Unaufgeregtheit gewichen sei und diese sich nicht revanchistisch, sondern frei von Elementen der Verdrängung darstelle.

Trotz gegensätzlicher Bewertung besteht aber offenbar Einigkeit darüber, dass die Wiederkehr des Jahres 1945 ins Gedächtnis der Deutschen neu sei und die damit verbundenen Themen lange verdrängt wurden. Tatsächlich jedoch ist "1945" ein historisches Dauerargument, und es fehlte in der Nachkriegsgeschichte nicht die Vehemenz, es vorzutragen. Auch das Bedürfnis nach "Selbstversöhnung" hat eine Tradition von beträchtlicher Dauer. Seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges wird immer wieder das Sprechen über die Verbrechen im "Dritten Reich" mit einem ausbalancierenden Hinweis auf die selbst erlebten Leiden verbunden, wird das Gedächtnis anderer als Unversöhnlichkeit oder gar Rache wahrgenommen und wird mit dem steten Vergehen der Zeit argumentiert, welche Versöhnung sozusagen auf natürlichem Wege herbeizwinge.

Dass dabei der Subtext einer "deutschen Sehnsucht" (Max Horkheimer) wirksam wurde, eine Hoffnung auf Entlastung, die man am liebsten nicht selbst und vor allem nicht direkt formulieren wollte, sondern von Juden erbat, macht den Erinnerungskonflikt noch brisanter. Im Briefwechsel zwischen dem österreichischen Romancier Hermann Broch und dem jungen Volkmar v. Zühlsdorff gibt es eine Passage, die wenige Monate nach Krieg und Konzentrationslager schon diese Sehnsucht zeigt. Broch, der seine Mutter in Theresienstadt verloren hatte, konnte sich nicht so schnell vom "Judenproblem" lösen, wie das Zühlsdorff sinngemäß immer wieder von ihm forderte. "Am Judenproblem", so Broch 1948, zeige sich doch "die ,Schuld‘ des deutschen Volkes" am allerdeutlichsten: "Durch volle 20 Jahre hat der Deutsche die tollidiotischste Judenhetze mit völliger Gleichgültigkeit betrachtet, und kraft dieser bestialischen Gleichgültigkeit ist er zum Helfershelfer eines bestialisch-systematischen Massenmordes geworden."

Der Emigrant Zühlsdorff, gerade halb so alt, versuchte dagegen mit großem Pathos den Gedanken eines "besseren Deutschlands" zu vertreten. Er war anders als Broch auch sofort nach Deutschland zurückgekehrt. Schon im Oktober 1945 machte er den ernst gemeinten Vorschlag, Juden mögen einen Hilfsfonds für hungernde deutsche Kinder anregen, um ihre Versöhnungsbereitschaft zu demonstrieren. Und als Broch abermals den Antisemitismus in Deutschland ansprach, konterte Zühlsdorff mit dem Argument, die "Rache" der "erbarmungslosen Sieger" hätte die "Öfen von Auschwitz" in Deutschland vervielfacht: "Die Öfen von Auschwitz sind die Glutherde von Hamburg und Dresden, von Berlin, München, Leipzig, Köln, Essen, Dortmund und Düsseldorf, Frankfurt, Bremen, Stuttgart, Hannover, Nürnberg, Magdeburg, Mannheim, Karlsruhe, Augsburg, Lübeck, Regensburg, Kassel, Mainz, Aachen, Darmstadt, Bamberg, Offenbach, Würzburg, Bayreuth, Heilbronn, und so die ganze Reihe der deutschen Städte herunter gefolgt, die Millionen der Erschlagenen und Vertriebenen, die Schrecken von Königsberg, Breslau und dem Sudetengebiet, und der bleiche Hunger, dessen Opfer jetzt in Scharen fallen(…), Zersplitterung, Zerstörung, Erniedrigung durch den erbarmungslosen Sieger, der den Nationalsozialismus erschlug und sich selbst in sein geistiges Ebenbild setzte."

Man muss sich dieses Zitat vergegenwärtigen, um die Aggressivität in der empörten Antwort des Deutschen zu verstehen. Seine Aufzählung versuchte durch hysterische Überbietung, dem Gedächtnis die Legitimität eines Sprechens über Auschwitz zu entziehen, indem es mit den "Glutherden" der bombardierten Städte in Deutschland die Krematorien des Vernichtungslagers rhetorisch "auslöschte". Die Botschaft war unmissverständlich: Juden hatten ein "Auschwitz" erlebt, Deutsche deren Hunderte.

Später versank solche Aggressivität wieder. Die fünfziger Jahre forcierten Versöhnungsbereitschaft. In dem Sammelband Portraits der deutsch-jüdischen Geistesgeschichte , den der Journalist Thilo Koch 1959 herausgab, hatten sich die Autoren mehrheitlich dem Gedanken einer deutsch-jüdischen "Affinität" verschrieben. An den Anfang setzte der Herausgeber als "geistige Wiedergutmachung" die symbolische Heimholung Bubers in das Pantheon der deutschen Geistesheroen Humboldt und Goethe. Es ging auch hier um die Deutschen, nicht um die Juden, um die Beschwörung der Geistesverwandtschaft, nicht um die trennenden Ereignisse von Verfolgung und Vernichtung. "Unser Versuch über die jüdisch-deutsche Geistesgeschichte", so die programmatische Aussage, "möchte dieses Feld des Streits um die Wahrheit der zwölf Jahre einmal beiseite lassen." Rudolf Hagelstange zitierte, begeistert von der Gegenwartsbedeutung des somit hergestellten Anachronismus, den Versöhnungsbrief Mathilde Rathenaus, den die Mutter des ermordeten Außenministers an die Mutter eines der Mörder ihres Sohnes schrieb: "Sagen Sie Ihrem Sohn, dass ich im Namen und Geist des Ermordeten ihm verzeihe[…]."