An der neuen Schule war alles bereit für die ersten Pennäler, die mitten in der Türkei erstmals auf Kurdisch unterrichtet werden sollten. Eine kleine Revolution. Doch am Ende waren die Türen im Gebäude fünf Zentimeter zu schmal, blieb die Schule zugesperrt, und die Revolution fiel aus.

Günter Verheugen, EU-Kommissar für Erweiterung, illustriert anhand dieser Begebenheit im Gespräch mit der ZEIT, wie weit Reformwillen und Alltag in der Türkei noch auseinander klaffen. Ein Jahr nach Amtsantritt der islamistischen Regierung unter Recep Tayyip Erdo˘gan sei das Bild gemischt. Einerseits lobt Verheugen "ein enormes politisches Bemühen um Reformen", andererseits beklagt er "die anhaltende Obstruktion im Staatsapparat". Mitte dieser Woche stellte der EU-Kommissar vor dem Europäischen Parlament den diesjährigen "Fortschrittsbericht" über die Türkei vor. Es ist der letzte vor der maßgeblichen Stellungnahme der Brüsseler Behörde im kommenden Jahr, auf deren Grundlage die Staats- und Regierungschefs der Gemeinschaft dann entscheiden, ob Beitrittsverhandlungen mit der Türkei aufgenommen werden.

Niemand in der türkischen Führung hatte ernsthaft gehofft, schon jetzt den ersehnten Bescheid zu bekommen. Teile des Fortschrittsberichts waren vergangene Woche bereits in die Medien von Ankara bis Istanbul durchgesickert. Dabei handelte es sich freilich nur um einen von EU-Dienststellen erarbeiteten Vergleich des laufenden Jahres mit dem Vorjahr und noch nicht um die politische Bewertung der vergangenen vier, fünf Jahre, die sich Verheugen für diese Woche vorbehielt. Für den EU-Kommissar darf der diesjährige Bericht "nicht als Vorentscheidung lesbar sein". Zugleich lobt Verheugen die Türkei, die sich mit großer Entschlossenheit auf den Weg gemacht habe: "Die jetzige Regierung braucht die europäische Perspektive, um die Reformen zu Hause mehrheitsfähig zu machen."

Gewiss habe in der Gemeinschaft jeder das Recht, für oder gegen einen Beitritt der Türkei zu plädieren. Mit Blick auf die deutsche Diskussion warnt Verheugen jedoch davor, "bei der kommenden Europa-Wahl sich dieses Thema zurechtzuschnitzen und daraus eine Art Referendum über den Türkei-Beitritt zu machen", wie das derzeit in der CSU und Teilen der Union versucht werde. "Wir müssen diese Debatte so führen, dass der Reformwille in der Türkei nicht abbricht."

Exislamisten als Muster-Europäer

In der türkischen Führung fallen die ersten Antworten auf den Fortschrittsbericht höchst unterschiedlich aus. Ministerpräsident Erdo˘gan sieht in der Kritik der Kommission nur "Vorwände", sein Außenminister Gül hingegen lobte den Bericht als "objektiv". Gül räumte ein, dass viele Reformen bisher nur auf dem Papier stehen. In Brüssel werden zudem Mängel in Grundrechtsfragen beklagt, vom Minderheitenschutz bis zur Versammlungsfreiheit, von der anhaltenden Folterpraxis bis zur eingeschränkten Religionsfreiheit.

Eine weitere Hürde könnte Mitte Dezember genommen werden: Dann wird in Nordzypern gewählt, in einer Abstimmung, die UN und EU nicht anerkennen, und in einem Land, das nach internationalem Recht nicht existiert – außer für die Türkei. Sollte jedoch Rauf R. Denkta≠, der verbohrte Führer der Nordzyprioten, eine Schlappe erleiden, könnte der Augenblick für Ankara günstig sein, endlich auf Abstand zu gehen. Einen "Deal" – tausche Nordzypern gegen Beitrittstermin – werde es freilich nicht geben, erklärt Verheugen, "und das habe ich Erdo˘gan auch deutlich gemacht".

Als die EU-Regierungschefs vor vier Jahren in Helsinki die Türkei zum Kandidaten für eine spätere EU-Kandidatur kürten, waren zwei Argumente in aller Munde: Zum einen wollte Europa die weltliche Demokratie der Türken zur Insel in einer islamisch aufgewühlten Weltgegend machen, Brücke und Vorposten für Europa in einem. Paradox, doch heute erweisen sich in Ankara die ehemaligen Islamisten als die besten Europäer. Zum anderen drängten damals die Amerikaner die Europäer, mit der Türkei einen strategisch wichtigen Partner aufzunehmen. Mit dem Irak-Krieg aber erkaltete die Waffenbrüderschaft zwischen Ankara und Washington, das strategische Argument wurde vorläufig zu den Akten genommen. In der Türkei sind sich die Eliten zudem bewusst, dass das schwerste Stück Arbeit noch gar nicht begonnen wurde: Bis in die letzte Ecke von Anatolien müssen Sitten und Gebräuche, wie etwa die Zwangsheirat im Kindesalter, europäischen Rechtsansprüchen angepasst werden. Eine gewaltige Aufgabe.