Menschen mit geringem Bildungsstand neigen eher zu Schulden als Gebildete, gering Verdienende eher als Menschen mit hohem Einkommen. Das behauptet die Schufa in einer aktuellen Studie. Ferner seien Nichtberufstätige stärker gefährdet als Arbeitende, Männer stärker als Frauen. Wie eine ganze Reihe anderer Institutionen inklusive der Bundesregierung sieht nun auch die Schufa die Deutschen in Not und fordert mehr finanzielle Bildung. Doch sie übersieht, dass das Problem der Verschuldung nicht ausschließlich auf mangelhafte individuelle Fähigkeiten zurückzuführen ist.

Eigentlich dürfte es keinen Mangel an finanziellem Wissen geben. Noch nie in der Geschichte der Bundesrepublik hatte die Bevölkerung die Möglichkeiten, sich so umfassend über Finanzdienstleistungen zu informieren. In Tageszeitungen und Zeitschriften wird regelmäßig über Geld berichtet. Selbst in Fernsehshows und Soaps werden Finanzen erörtert. Die öffentliche Hand begleitet ihre finanziellen Segnungen und Einschnitte mit ausführlichen Kampagnen, sei es zur Einführung des Euro, zur Riester-Rente oder zu den familienpolitischen Leistungen. Zu fast allen Fragen können Haushalte sich die notwendigen Informationen, Tests und Vergleiche aus dem Internet holen.

Trotzdem gelingt es sämtlichen Informationskampagnen offenbar nicht, auszubügeln, was sich in unserer Gesellschaft eingebürgert hat: ein extrem komplexes, nicht mehr nachvollziehbares Dickicht von Dienst- und Sozialleistungen, Finanzprodukten, Anlage- und Abschreibungsmöglichkeiten. Die notwendige Folge ist eine völlige Unübersichtlichkeit.

Dafür trägt der Staat einen Großteil der Verantwortung. Die Entmonopolisierung und Privatisierung ehemals staatlicher Versorgung führt zur explosionsartigen Vermehrung von neuen Entscheidungsnotwendigkeiten mit entsprechenden finanziellen Folgen. Davon sind vor allem die Armen betroffen.

Ein Beispiel dafür ist die Krankenversicherung. Nach der Einführung der freien Krankenkassenwahl mussten die Haushalte entscheiden, ob und wohin sie wechseln wollten. Wer sich nicht darum gekümmert hat, blieb bei den teuren Kassen und muss sich mit den entsprechenden finanziellen Verlusten abfinden. Mit der neuen Gesundheitsreform wird die Entscheidungsfindung noch weitaus komplexer. Zahnersatz und Krankengeld sind zusätzlich zu versichern, die Zahl der Anbieter und Angebote nimmt massiv zu. Den Durchblick behalten bestenfalls die Experten.

Ein noch dichteres Gestrüpp bietet der Telekommunikationsmarkt. Zwar kann der preisbewusste Nutzer günstig telefonieren, aber nur, wenn er sich regelmäßig informiert. Seit Öffnung des Marktes ändern sich die Tarife der Anbieter fast täglich. Während sich der Markt im Bereich Festnetz entwickelte, entfaltete sich parallel ein Handyboom, ebenfalls geprägt durch ein Dickicht von Anbietern und Tarifen. Die immer schnellere technische Entwicklung mit ISDN, DSL und Internet schließlich schafft eine vollständige Konfusion für den Endverbraucher.

Die Liste ließe sich fortsetzen. Bei der Riester-Rente gestand auch Thea Dückert, stellvertretende Fraktionsvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen im Bundestag, dass diese zu kompliziert sei. Die Förderung der privaten Vorsorge erinnert an die Ticket-Preise der Deutschen Bahn. Deren neues – und jetzt wieder altes – Preissystem wurde von den Kunden abgelehnt. Nicht, weil es teurer gewesen wäre. Es war schlicht nicht nachvollziehbar. So wartet auf die Riester-Rente, was dem Preissystem der Bahn schon widerfahren ist: die Reform der Reform.

Während sich das Bildungsbürgertum mithilfe von Ratgebern wie Simplify your life über das Chaos hinwegsetzt und im Zweifel das teure Angebot als das günstigere bezeichnet, bleibt für Bürger des unteren Einkommensniveaus bloß Ratlosigkeit übrig. Gerade sie betrifft die Unübersichtlichkeit noch stärker. Oft sind sie Empfänger von Arbeitslosengeld, Wohngeld oder Sozialhilfe, doch die behördlichen Bescheide, mit denen solche Leistungen bewilligt werden, sind kaum nachvollziehbar. Und wem Kindesunterhalt zusteht, dem ist dringend anzuraten, einen Anwalt als Berater aufzusuchen. Die seit dem vergangenen Jahr geltende Regelung bezeichnet sogar der Deutsche Richterbund als auf den ersten Blick schwer verständlich.