Die Situation ist skurril: Ein Mensch betritt das Wahlbüro seines Bezirks, zückt seinen Pass in der Erwartung, dass sein Name auf der Wählerliste steht, doch er findet nur den eines verstorbenen Verwandten. Das ureigene politische Recht, seine Regierung zu wählen, bleibt ihm verwehrt. Das haben am vergangenen Sonntag viele Tausende Georgier erlebt, die für ein neues Parlament stimmen wollten.

Schon seit Wochen zeichnete sich bei den Wahlvorbereitungen ein heilloses Durcheinander ab. Es nahm seinen Lauf mit falschen Wählerlisten oder mit plötzlichen Stromausfällen just in dem Moment, in dem die Wahlurnen geöffnet wurden, um die Stimmen auszuzählen. Das Chaos hatte auch System: Im Dunkeln lassen sich gefälschte Stimmzettel gut unterschummeln, wie der hiesige norwegische Botschafter beobachten durfte, der eine Taschenlampe dabeihatte.

Sicher sind einige Pannen auch der mangelnden demokratischen Erfahrung zuzuschreiben in diesem Land, das schon im 4.Jahrhundert nach Christus wissenschaftliche Institutionen unterhielt, aber erst seit elf Jahren einen holprigen, bisweilen von blutigen Auseinandersetzungen geprägten Weg in die Demokratie geht. Aber doch sprechen zahlreiche Indizien dafür, dass es sich hier um systematischen Betrug handelt. Denn es gibt im engeren Dunstkreis des 75-jährigen Präsidenten viele, die kein Interesse an neuen Machtstrukturen haben. Schewardnadses Entourage aus Verwandten und Gefolgsleuten braucht nach bisherigen Ergebnissen auch vom neuen Parlament nichts zu befürchten, denn die Mehrheit der Stimmen geht an den Präsidentenblock.

Und doch zeigt das vorläufige Ergebnis der Wahlen auch, dass die Zeit des Präsidenten abgelaufen ist. Denn dicht hinter dem Parteiblock Schewardnadses steht schon der Block der Nationalen Bewegung mit dem charismatischen Widerspruchsgeist Michael Saakaschwili. Ob er Chancen auf das Präsidentenamt im Jahre 2005 hat, für das Schewardnadse nach bisherigem Bekunden nicht mehr kandidieren will? Ungewiss. Immerhin aber ist Saakaschwili ein Beispiel für jene jungen Politiker, die mit Engagement gegen Korruption und andere Laster in Georgien kämpfen wollen. Um etwas zu erreichen, müssten sich die bisher arg zersplitterten Reformparteien zusammenraufen. Am Dienstag trommelten sie Tausende von Demonstranten auf dem Freiheitsplatz in Tiflis zusammen. Sie wollten nicht dazu schweigen, dass Schewardnadse das Volk seiner Stimme beraubt. Das allein ist schon ein Schritt in Richtung Demokratie.