90 Prozent der US-Bürger können sich vorstellen, von einer Frau regiert zu werden. Ebenfalls 90 Prozent könnten mit einem schwarzen Präsidenten leben. 59 Prozent würden einer Gallup-Umfrage zufolge den Staat sogar von einem Homosexuellen führen lassen. Aber nur für 49 von 100 Amerikanern wäre ein Atheist im höchsten Staatsamt akzeptabel.

Da ist Europa schon weltlicher: Immerhin haben der Bundeskanzler und fünf seiner dreizehn Minister bei ihrer Amtseinführung auf die Formel „…so wahr mir Gott helfe“ verzichtet und sich damit wenigstens indirekt als gottlos geoutet. Aber auch bei uns gilt: Während man fröhlich zu seinem Glauben jeglicher Konfession stehen kann, hält man sich mit Bekenntnissen zum Atheismus doch lieber zurück – das Wort hat immer noch einen bösen Beigeschmack.

Gibt es nicht ein schöneres Wort für die Tatsache, dass man einfach „nicht an Geister oder Elfen oder den Osterhasen glaubt – oder an Gott“ (so der Philosoph Daniel Dennett)? Bisher gestaltete sich die Namensfindung schwierig: „Skeptiker“ – das klingt nach verkniffenen Zweiflern. Hinter „Rationalisten“ vermutet man gefühlskalte Spaßbremsen, „Naturalisten“ stellt man sich eher nackt am Ostseestrand vor. Und „Freidenker“ verwechseln die meisten mit geheimen Freimaurer-Zirkeln.

Jetzt haben prominente amerikanische Wissenschaftler einen neuen Namen propagiert: Brights sollen sich die freien Geister fortan nennen, meint eine Schar um Dennett und den Biologen Richard Dawkins. Bright bedeutet „hell“, und so soll von dem Wort wohl eine fröhliche Leuchtkraft ausgehen und die düsteren Klischees vom Atheismus überstrahlen. Immerhin ist Dawkins der Erfinder des Begriffs vom „Mem“, dem sich selbst vermehrenden Gedankenkeim. Und so wie die Homosexuellen mit dem Wort gay ein positives Bild von sich säten, das sich schließlich zu weitgehender gesellschaftlicher Akzeptanz auswuchs, soll es bald ganz selbstverständlich sein, auf einer Party zu sagen: „Tut mir leid, ich glaube nicht an Gott, ich bin ein bright!“

Nun kann man bright aber auch mit „schlau“ übersetzen. Und damit füttern Dawkins und Dennett unbeabsichtigt ein altes Klischee: der agnostische Intellektuelle als altkluger Besserwisser, der sich selbst für klüger hält als seine im dunklen Sumpf der Mystik stecken gebliebenen Zeitgenossen. Schon hagelt es auch aus dem eigenen Lager Proteste gegen den Begriff. „Die klugen Kinder sind nicht immer die mit den meisten Freunden“, wandte zum Beispiel der Skeptiker-Kolumnist Chris Mooney ein.

Vielleicht ist es ja müßig, nach einem neuen Oberbegriff für die ex negativo definierten Ungläubigen zu suchen – also nach einem Vereinsnamen für die Nichtvereinsmeier . Die Tatsache, dass man an etwas nicht glaubt, schafft noch keine heimelige Gemeinschaft. Zumindest in den USA werden die freien Geister wohl auch in Zukunft damit leben müssen, nur von wenigen geliebt zu werden.

Christoph Drösser