Auf den Karten der Stadtplaner liegt die Hafencity gleich hinterm Rathaus; in den Köpfen der meisten Hamburger liegt sie weitab, in einer unbestimmten Ferne. Immer noch markiert die Speicherstadt, dies Gestade aus Backstein, eine Grenze, und niemand weiß so recht, was sich dahinter verbirgt. Über hundert Jahre war dort Zollausland, eine Gegend, in der die Gesetze des Hafens galten und der gewöhnliche Bürger nichts zu suchen hatte. Noch heute verirrt sich nur selten jemand hierher, wandert über die lange schon verlassenen Kaianlagen, spürt die Offenheit dieses Ortes, seine ungeheure Weite. Das Auge gleitet die Elbe hinab, der Himmel hebt sich, und vom Alltag bleibt nur ein fernes Brummen im Hintergrund.

Ein Trugbild, natürlich. In Wahrheit hat sich das Offene längst geschlossen. Auf dem Sandtorkai wachsen die ersten Häuser, und bald schon wird das Aus- ein Inland werden, ein bunt durchmischtes Stadtquartier, 17-mal so groß wie der Potsdamer Platz in Berlin. 12000 Menschen sollen hier einmal wohnen, 20000 eine Arbeit finden. Und ganz nebenbei will sich Hamburg auch noch ein neues Zentrum schenken, mit riesigen Einkaufsgefilden, mit Museen und einem Aquarium. Sogar eine neue Philharmonie ist in Planung, und in der nächsten Woche soll ein Bedarfsgutachten der Kulturbehörde die Frage klären, ob gebaut wird oder nicht.

Schon jetzt zweifelt eigentlich niemand mehr: Sämtliche Rathausfraktionen haben sich dafür ausgesprochen, die Konzertveranstalter ebenfalls, und selbst die Leiter der bisherigen Musikhalle würden sich über den Konkurrenten freuen. Alle haben sie sich mitreißen lassen von dem hell lodernden Hoffnungszeichen, das die Schweizer Architekten Jacques Herzog und Pierre de Meuron in den Himmel über der Elbe stellen wollen. Ähnlich wie in London, wo sie für die Tate Modern ein Kraftwerk umwandelten, soll auch hier das Neue dem Alten entwachsen, ein bislang unzugänglicher Trutzbau, der Kaispeicher A, wird sich für das große Publikum öffnen. Hinter den mächtigen Backsteinwänden, so die Planung, werden künftig Besucherautos statt Kakaosäcke gestapelt, und oben auf dem Dach, wo bislang nur der Wind pfiff, beginnt eine grandiose Glaswelle zu wogen, die zwei Konzertsäle mit über 2000 Plätzen, ein Luxushotel mit 200 Betten und einige Wohnungen birgt. Zu allem Überfluss sollte Hamburg das Hafenmusikhaus auch noch geschenkt bekommen, so hatte es der Geschäftsmann Alexander Gérard versprochen, als er vor einigen Monaten die Öffentlichkeit mit dem Entwurf überraschte. Nur das Grundstück wollte er vom Senat übertragen bekommen, um den Rest würde er sich dann schon kümmern. "Ein wirklich schönes Versprechen", sagt Jörn Walter, Hamburgs Oberbaudirektor, "schön und völlig haltlos." Wenn es so leicht wäre und sich mit Hotelzimmern eine ganze Philharmonie finanzieren ließe, dann stünden davon wohl in jeder Stadt gleich mehrere. Nein, sagt Walter, mit 50 Millionen Euro Extrakosten müsse die Stadt schon rechnen. Und das würde sich nur lohnen, wenn Hamburg wirklich in der A-Klasse der Orchester mitspielen wolle. "Das wäre ein gewaltiger Sprung. Dann kämen die Touristen nicht nur wegen der Musicals, sondern auch wegen der Philharmonie. Und das wär ja nicht das Schlechteste."

Wirklich glücklich ist Walter aber nicht mit den Plänen von Herzog und de Meuron. Der Kaispeicher A steht fernab, in einem Wohngebiet am Ende des Dalmannkais, und die nächste U-Bahn-Station liegt vier zugige Brücken entfernt. Viel besser wäre es daher, wenn die Philharmonie im Herzen der Hafencity entstünde, am Magdeburger Hafen, wo auch abends noch Leben auf der Straße sein wird. "Aber was soll man machen?", sagt Walter und schiebt die städtebaulichen Bedenken zur Seite. "So ein Entwurf, der geht um die Welt. Und die Hafencity braucht ein Wahrzeichen."

Braucht sie es wirklich? Wer sich in der Stadt umhört, der spürt bei aller Begeisterung für die gläserne Riesenwelle doch auch eine wachsende Skepsis. Manchen kommt es so vor, als sollte das Renommierprojekt über die eigentlichen Probleme hinwegtäuschen, über den Mangel an Austausch und Akzeptanz und über die fehlende Einbindung. Vor allem die Gesellschaft für Hafen- und Standortentwicklung (GHS), die im Auftrag des Senats die Grundstücke verkauft, wird von vielen kritisiert. Wie Fürsten würden sich die Mitarbeiter aufspielen, ängstlich wachten sie über ihren Einfluss. Die Künstlerin Anke Haarmann zum Beispiel stieß prompt auf verschlossene Türen, als sie im vorigen Jahr mit ihren Kollegen von der Gruppe Tetrapack ein alternatives Informationszentrum eröffnen wollte, für zwei Wochen nur, um endlich ein wenig Wind in die Hafencity-Diskussion zu bringen. Die GHS war strikt dagegen, schließlich betreibe man ein eigenes Infocenter, einen Raum mit Stadtmodell, Büchern und Broschüren – mehr sei nicht nötig. "Wie Staatsfeinde wurden wir behandelt", erzählt Haarmann. Erst als der damalige Besitzer des Kaispeichers A ihnen einige Räume anbot und auch die Kulturbehörde sich einschaltete, ließ sich die GHS erweichen. Die Künstler durften filmen, ein paar Passanten befragen, einige Diskussionsrunden starten. Willkommen aber waren sie nicht.

Ganz anders sieht es aus, wenn irgendeine Werbefirma anklopft, weil sie einen schicken alten Speicher sucht, in dem sie neue Produkte präsentieren will. Oder wenn eine Agentur ein paar lustige Nachmittage am Strand organisiert, ein kleines Urban-Outdoor-Wellness-Festival mit Grillen und Volleyball. Für solche Formen "kontrollierter Fun-Kultur", wie Haarmann es nennt, ist die GHS jederzeit zu haben. Nur für Eigensinn und Eigeninitiative hat sie meist wenig übrig. Und so lässt sie alte Schuppen auch lieber verfallen, statt sie temporär zu nutzen und ein paar Handwerker, Musiker oder Künstler ins bislang unbelebte Quartier zu holen. Obwohl die Hafencity nur langsam wachsen soll und erst in 20 bis 30 Jahren alle Bauten stehen werden, hat die GHS keinen Sinn für das Vorläufige. Sie versteht sich als Partner der Geschäftsleute und Architekten – alle anderen sollen gucken und staunen und irgendwann die Wohnungen und Büros beziehen. Mehr bitte nicht.

Wird die Hafencity zur Wohnstadt für Familien?

Noch vor drei Jahren hatte Jörn Walter für alternative Formen des Planens und Wohnens plädiert; er wollte die Hamburger ermutigen, sich zu Baugemeinschaften zusammenzutun und eigene Ideen zu entwickeln. Schließlich sollte die Hafencity kein Fix-und-fertig-Produkt werden, das den Bürger nur noch als Konsumenten braucht. Auch heute noch schwärmt Walter von der Jahrhundertchance und fordert Anteilnahme und Mitsprache, doch über das Wo und Wie gibt er nur ausweichende Antworten. Ähnlich bei der GHS: Ihr Geschäftsführer Jürgen Bruns-Berentelg zuckt nur kurz mit den Schultern. "Wir haben da ein Besucherbuch, das werten wir regelmäßig aus." Außerdem werde doch die Architektur der Hafencity transparent sein, und so könnten sich Öffentliches und Privates ja mischen, nicht wahr? Dann erzählt er schnell etwas über das nächste Großprojekt nebenan, über den Magdeburger Hafen und die vier Immobilienkonzerne, die sich um den Auftrag bewerben und eine Milliarde Euro investieren wollen. Eine Art Daimler-Town oder Sony-Center werde dort entstehen, erzählt Bruns-Berentelg nicht ohne Stolz. Eine Stadt aus privater Hand in öffentlicher Nutzung.