Ein heftiger Ritter, dieser (spätestgotische) Sankt Martin im Dom von Xanten. Ein bisschen zu golden die Rüstung, doch die Jugend stimmt: Noch ein halber Junge war er - schon mit 15 ins römische Heer gepresst -, als er an jenem kalten Tag des Jahres 353 oder 354 ausritt, vor die Tore von Amiens, und den Bettler traf, den Krüppel. Drei Details der Legende sind besondes schön. Erstens: Der junge Wehrpflichtige fror, als er den Mantel geteilt hatte. Zweitens: Die Kameraden lachten ihn aus. Drittens: Er bekam drei Tage Arrest, weil er militärisches Eigentum beschädigt hatte. Was zeigt, dass das Militär schon damals so kadaverdumpf war wie heute. Dass sich schon damals lächerlich machte, wer auf Solidarität bestand. Und dass es schließlich immer an die eigenen Nieren geht, wenn man wirklich halbe-halbe macht.

Denn das ist seine Botschaft: nicht Barmherzigkeit, nicht milde Gaben - Sankt Martin ist der Heilige des Halbe-halbe, der Heilige des Teilens. Und, ja, da ist noch dieses vierte Detail: Der Bettler war kein Bettler, sondern Gott.

Der solidarische Akt ist der Moment der Gotteserkenntnis, die einzig wahre Kommunion. Jener brach das Brot, dieser teilt den Mantel.

Reden wir vom 4. Jahrhundert, reden wir von heute? Das prächtige Buch zeigt uns Sankt Martin in allen Zeiten und von allen Seiten, als Soldaten, als Mönch und als Bischof, als Helden der (Volks-)Kirche und der Kunst. Es erzählt von Martinsfeuern und -gänsen (mit Kochrezepten), von tausenderlei Bräuchen in ganz Europa, und erinnert uns wieder (mit Noten) an die Lieder, die wir als Kinder gesungen haben, am Vorabend des 11. November, die Laterne in der klammen Hand: "Sankt Martin ritt durch Schnee und Wind ..."

Manfred Becker-Huberti: Der heilige Martin

Leben, Legenden und Bräuche - Greven Verlag, Köln 2003 - 176 S., Abb., 14,90 e