Um fünf Uhr steht die Sonne schon tief. Die Straßen sind leer, die Geschäfte geschlossen. In der Abenddämmerung schieben sich dünne Katzen unten am Wasser durch die Gastromeile. Um Lothes Bar am Hafen zu finden, muss man eine Steintreppe hochsteigen, ein steiles weißes Holztreppchen erklimmen und furchtlos ein recht privat wirkendes Häuschen betreten. Sobald man drin ist, ist alles gut. Kaminfeuer prasselt. Kerzen brennen. Geschäftsleute lehnen sich zurück und rauchen Zigarren. Man geht vor die Tür, wenn das Handy klingelt, denn man weiß, was sich gehört. Der Barmann ist aufmerksam, aber nicht aufdringlich. Das Bier serviert er unverzüglich, aber nicht eilig. In der Ecke beim Feuer sitzt ein Pärchen; sie redet, er nickt. Das Norwegisch hier an der Westküste klingt wie ein murmelnder Bach. Beruhigend ist es, einfach nur zuzuhören. Einschläfernd. Wie die ganze Stadt. "Nichts los in Haugesund" – das muss ja kein Manko sein. Das wäre mal ein Motto!

Die abgelegene Ortschaft an der norwegischen Westküste zwischen Bergen und Stavanger wird seit diesem Sommer von London-Stansted aus angeflogen. Dank Ryanair liegt Norwegen plötzlich nur noch zwei Stunden und 20 Euro (plus Steuern) von England entfernt. Oder, weil Billigflieger das Umsteigen nicht scheuen, drei bis vier Flugstunden und 40 Euro von Spanien, Frankreich oder Deutschland. Zwar wird das neue Angebot zunächst vor allem von Norwegern benutzt, um wegzukommen. So muss die Mittelklasse Westnorwegens jetzt zum Shoppen nicht mehr nach Stavanger fahren, sondern kann für kleines Geld nach London fliegen. Auch die Jugend nutzt den Fluchtweg. Während man in Stansted auf seinen Anschlussflug nach Haugesund wartet, begegnet man ihnen, den schrägen norwegischen Jugendlichen auf dem Heimweg: Punkern, Skins, Freaks. Oder den jungen Musikbegeisterten, die sich in London die neuesten Vinyls besorgen. Doch langsam scheint sich herumzusprechen, dass umgekehrt auch Haugesund ein Tipp ist. Schon brechen Entdecker aus England auf, drahtige Backpacker. Immerhin gibt es für einen Londoner keinen schnelleren und billigeren Weg in ein Land, in dem sich jeder seinen Traumsee aussuchen kann.

Lange vor der irischen Fluggesellschaft wurde die raue und bizarre Gegend um Haugesund von den Wikingern entdeckt. Wenn der Norweger Nahrung fürs Nationalgefühl sucht, kommt er hierher. Er besucht nachgebaute Wikingerdörfer, ausgebuddelte Schiffe, Kultstätten und natürlich eine hässliche Granitsäule am Stadtrand: das Nationalmonument von 1872. Damals wurde Norwegen 1000 Jahre alt. Es waren meist Seeleute oder Heringfischer, die sich im Laufe der Jahrhunderte an der geschützten Meerenge zwischen Festland und der Insel Karmøy niederließen. Dieses Wasser hieß von jeher "Nordvegen" und gab dem Land seinen Namen.

Die zweiten Entdecker waren deutsche Wandersleute und Naturliebhaber. Sie machten Haugesund zum Basislager für ihre Touren ins felsige, grüne und wasserreiche Hinterland. Dort hat man immerhin einen Gletscher zu bieten, den Folgefonn (1638 Meter hoch), und auch sonst viel fürs Auge. Auch einiges für den Bauch: Es gibt Pilze und Beeren und Fische, die man gratis aus den Fjorden ziehen darf. Außerdem machen in der Saison gern Bootstouristen hier fest. Damit selbst der prachtvollste Großsegler den innerstädtischen Anleger anlaufen kann, haben die Haugesunder monströse Brücken über ihren Naturhafen, den Smedasundet, gebaut.

Haugesund selbst drängt sich dem Gast als touristische Attraktion zunächst nicht auf. Am wenigsten erschließt sich der Ort dem Besucher bei Tage. Im Sommer, wenn es hier ein Jazz- oder ein Filmfestival gibt oder Hafentage oder Trachtenfeste, wird der Rummel den Eindruck überlagern, doch im Herbst, wenn sich der Norweger endgültig ins Familienleben zurückzieht, fallen die Sprödheit und Unzugänglichkeit des Städtchens auf. Die Fußgängerzone ist trostlos. Die Straßenmusikanten wirken noch hoffnungsloser als anderswo. Und die Architektur des bald 150 Jahre alten Städtchens scheint gewachsen wie Kraut und Rüben. Die einzige stilistische Besonderheit stellen hellgraue oder weiße, mit grauen Granitschindeln gedeckte Häuser dar. Doch deren Anblick vermag den Besucher gar nicht aufzumuntern.

Zwei Bauwerke sind es, die das Stadtbild dominieren, eins entsetzlicher als das andere: das rosarote Rathaus, ein neoklassizistischer Backsteinkoloss, gestiftet von einem Reeder. Und eine rücksichtslos mitten ins Hafengebiet gepflanzte monströse Fertigungshalle von ABB Offshore Systems. Hier werden die gewaltigen Komponenten von Ölbohr-Plattformen montiert. Auf jedem Platz aber, an jedem Treppenabsatz und an exponierten Stellen am Wasser stehen Bronzestatuen herum. Heringsfischer, nackte Mädchen, Rehlein. Unten am Hafen sogar eine durchaus schlüpfrig gestaltete Marilyn Monroe (einem hier mit Begeisterung kolportierten Gerücht zufolge stammte ihr unbekannter Vater aus einem Dorf in der Nähe). Nicht zuletzt die auffällige Skulpturendichte verleitet das Stadtmarketing dazu, über Haugesund zu verbreiten, es sei die einzige Stadt Norwegens, deren Bürgern Kultur wichtiger sei als Fußball.

Um es kurz zu machen: Haugesund-Gäste schlafen am besten lange aus. Dann machen sie einen Bootsausflug nach Røvær oder auf eine andere der nahe gelegenen wunderschönen Vogelinseln. Und erst bei Anbruch der Dämmerung gehen sie in die Stadt. Denn nur im Dunkeln erscheint sie gestaltet, orientiert. Dann blickt man durch Fenster, die keine Gardinen haben, auf spielende Kinder, Zeitung lesende Väter und das Essen zubereitende Mütter. In den Straßen fährt gelegentlich ein Jungmann im Auto, die Bässe bis zum Anschlag gedreht. Immer wieder hört man das leise Rasseln früh montierter Spikereifen, jedoch niemals eine Polizeisirene! Erst im Dunkeln, wie für den lichtlosen Winter gemacht, beginnen die wenigen, aber äußerst coolen Bars am Smedasundet ihre optische Wirkung zu entfalten: Designerträume, hoch artifizielle Räume.

Wer allerdings darauf wartet, hereingebeten zu werden, eingeladen oder angelockt, wird sich einen Schnupfen holen. Es ist am Haugesund-Besucher selbst, Schwellen als Einladungen zu interpretieren. Vielleicht hört man zu später Stunde von irgendwoher Rockmusik. Vielleicht ist es einmal kein Jungmann im tief gelegten BMW. Sondern ein obskures Lokal namens Crazy Horse Saloon mit Flinten, Cowboyboots und Sätteln an den Wänden. Vielleicht proben hier australische Musiker für einen Auftritt, und man holt sich ein Bier, und dann fegen sie los mit den ewigen Klassikern von Janis Joplin, Rod Stewart oder den Stones. Und wenn das Bier sich bei The First Cut is the Deepest kräuselt und wenn es bei Honky Tonk Woman Wellen schlägt – dann kommt man womöglich ins Grübeln. Über Haugesund. Über die Welt. Und ob es am Ende hinter den hellgrauen Fassaden von Haugesand ein Leben gibt? Feuer gar? Glück?