Berlin. Edelgard Bulmahn hat einen Sattelschlepper. Den setzt Deutschlands Forschungsministerin für Propaganda ein. Da werden Assoziationen frei: Nach der Oktoberrevolution von 1917 rollten Eisenbahnen durch Russland, beklebt mit Plakaten, die das Bündnis von Regierung und Wissenschaft priesen. Drinnen wurden Filme vorgeführt und Vorträge darüber gehalten, wie Ingenieure und Forscher das Land in eine lichte Zukunft führten. Ähnlichen Zwecken dient der MAN-Laster der sozialdemokratischen Ministerin. Bis Weihnachten wird er umdekoriert: Vom "BioTruck" zum "NanoTruck". Mit ihm soll Reklame für das "Rahmenprogramm Nanotechnik" gemacht werden, das Edelgard Bulmahn Anfang kommenden Jahres verkünden will.

"Nano", das wird groß. Oder eigentlich klein. Nanotechnik bringt Strukturen der Größenordnung von einem millionstel Millimeter hervor, die ganz besondere physikalische, chemische oder biologische Eigenschaften haben. Von der Medizin über die Rüstung bis zur Technik des täglichen Bedarfs – mit Nanotechnik könnte der Mensch die hergestellten Dinge dieser Welt schnell und präzise steuern wie noch nie zuvor. Wird das the next big thing? Schon jetzt ist jeder irgendwie ein bisschen nano. Zumindest jeder Forscher oder Techniker, der es auch nur am Rande mit Kleinststrukturen zu tun hat. Ihm winken Ruhm, Reichtum, Ehre.

Die Techniknation ist gefährlich autolastig

Solche Kunde wird demnächst also ein Lastwagen aus Berlin verbreiten. Sein Umbau wird im "beschleunigten nichtöffentlichen Verfahren" ausgeschrieben. Wozu die Eile? Der Ausschreibungstext führt "dringenden politischen Handlungsbedarf" an. So kann man es nennen. Die Bundesregierung dreht nämlich einen neuen Spin: Gerhard Schröder, der Innovationskanzler. Das kommende Jahr soll diese Wahrheit an den Tag bringen und auch einen schönen Namen tragen. 2004, das "Jahr der Innovation", zum Beispiel. Oder das "Jahr der Technik", man ist sich noch nicht ganz einig in der Hauptstadt. Eins ist klar: Nach all dem Reformgewürge muss endlich wieder etwas Positives her. Franz Müntefering gibt bereits Interviews, die den beschleunigten Übergang von der Reform- zur Innovationsphase verkünden. Flankierend dazu geben Schröders fortschrittliche Niedersächsinnen Zypries und Bulmahn der Diskussion um die Stammzellforschung Zunder und bringen die Anliegen der medizinischen Forschung in Stellung. Das ruft Protestreflexe vor allem bei der grünen, aber auch bei der schwarzen Partei hervor – und schärft das eigene Profil. Die SPD als Partei der Produktivkräfte, ein ursozialdemokratisches Motiv. Ihr Vorsitzender will es auf dem kommenden Parteitag der wunden Basis andienen.

Doch ob es auch ein fröhliches Thema ist? Ende vergangener Woche rieb eine Studie des World Economic Forum den Deutschen unter die Nase, sie nähmen unter den technisch führenden Nationen nur den achten Rang ein. Eine besonders schlechte Note vergaben die Ökonomen in der Disziplin "Verbreitung von Kommunikationstechnik". Kurz darauf erschien ein Bericht der Unternehmensberatung Arthur D. Little, dem zufolge der Ausbau des Breitband-Internet hierzulande nur schleppend vorankommt. Ähnlich düster nahmen sich die Befunde der diesjährigen Studie Zur technologischen Leistungsfähigkeit Deutschlands aus dem Hause Bulmahn aus. Sie verglich weltweit den Anteil der Ausgaben für Informations- und Kommunikationstechnik (IuK) am Bruttoinlandsprodukt und entdeckte, dass Deutschland an elfter Stelle rangiert. Nur 43 Prozent der Deutschen haben überhaupt Zugang zum Internet, damit liegt das Land im Mittelfeld der Industrieländer.

Nun sind digitale Techniken nicht das einzige Kriterium für technologische Leistungsfähigkeit. Aber ihre Verbreitung geht ziemlich präzise einher mit der Wachstumsstärke eines Landes. Die im Auftrag des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) zusammengerufenen Experten kamen jedenfalls zu dem Schluss, dass Deutschland gut in der "höherwertigen", nicht aber in der "Spitzentechnik" sei. Dabei unterscheiden sie danach, wie hoch der Anteil der Forschungsaufwendungen an der jeweiligen Güterproduktion ist; ab einem Umsatzanteil von acht Prozent spricht man von "Spitzentechnik". Eine willkürliche Grenzziehung, doch es zeigt sich, dass die einschlägigen Zweige (namentlich IuK und Biotechnologie) das Tempo anderer Sektoren bestimmen. Sie sind die Stärke der US-Wirtschaft. Und was können die Deutschen?

Autos. Deutschlands Techniklandschaft sei in gefährlicher Weise autolastig, heißt es in dem Bericht: "Würde man (…) den Automobilsektor aus der Außenhandelsbilanz herausnehmen, dann wäre Deutschland nicht mehr als ein Land zu bezeichnen, das (…) auf forschungsintensive Produktionen spezialisiert ist." Die Techniknation, an deren Spitze ein "Kanzler aller Autos" steht, hat Schlagseite. Auf etlichen Gebieten gehört das Land zur Avantgarde – doch seine Wirtschaft verdient ihr Geld mit den Klassikern. Am Beispiel der Nanotechnik belegen das weitere Studien, die vor wenigen Wochen im Bundesforschungsministerium vorgestellt wurden: Spitzenplatz weltweit in der Forschung, doch bei den Produkten mit einem Weltmarktanteil von elf Prozent weit abgeschlagen.