Bagdad/Kirkuk

Wer sich in die Hände der amerikanischen Armee im Irak begibt, nimmt alsgleich zehn bis zwölf Kilo zu. So viel wiegen Splitterweste und Kevlar-Helm, die, leider anders als im Film, Kugeln nur ärgern, nicht stoppen können. Dass die Panzerung trotzdem eine nützliche Last war, offenbart sich spätestens beim Einstieg in die C-130 Hercules , die uns täglich von Kuwait nach Bagdad und retour flog, weil die intakten Zimmer im Raschid-Hotel der irakischen Hauptstadt nach einem Raketenangriff etwas knapp geworden waren. Ein dezentes Schild am Rumpf lässt ahnen, dass es nicht in ein befreites Land, sondern in den Krieg geht: Die Maschine hat flares, chaff, decoys geladen, Abwehrmittel, die hitze- und radargesteuerten Raketen den Suchkopf verdrehen.

Und das war gut so, versuchte doch ein solches Geschoss die heißen Abgase der Turboprop zwei, drei Minuten nach dem Start in Bagdad aufzuspüren, um den Transporter in der Luft zu verschrotten. Noch besser war die schnelle Reaktion der Pilotin. Derweil sie ein brutales Ausweichmanöver flog, löste sie ein Hitze speiendes Feuerwerk aus, das die Rakete freundlicherweise von ihrer Beute ablenkte. Am Sonntag wurde 36 US-Soldaten dieses Glück nicht zuteil. Die Rakete traf ihren Chinook- Hubschrauber; 16 starben, 20 wurden schwer verwundet. "That was a bad day", sagte Verteidigungschef Rumsfeld – eine Untertreibung. Tatsächlich war es der schlimmste Tag seit Kriegsbeginn im März, waren doch nie so viele GIs auf einen Schlag gefallen wie an diesem 2. November.

Es herrscht wieder Krieg im Irak. Der Auftakt zum Beginn des Fastenmonats war der Raketenangriff auf das Raschid, in dem Vize-Verteidigungsminister Paul Wolfowitz einquartiert war. Seither sind Dutzende von Amerikanern und Irakern in Gefechten und Bombenanschlägen umgekommen. Dies sind keine vereinzelten Guerilla-Aktionen mehr; die Attacken zeugen von feinster Aufklärung, Koordination und operativem Geschick – von militärischen Tugenden, die sich Saddam Husseins Armee im Irak-Krieg, Teil eins, nur erträumen konnte.

Seit dem Raketenhagel auf das Raschid liegt zumindest die taktische Initiative bei den Rebellen – jenen schemenhaften Killern, die aus Syrien, Iran und Saudi-Arabien eingesickert sind und sich mit den Einheimischen verbündet haben – den Baathisten, den Profiteuren des alten Regimes, den Republikanischen Garden, die scheinbar resigniert vor den Amerikanern zurückgewichen waren. Sie wissen, wo im Land die Munitionsdepots verstreut sind, sie haben Milliarden von Dollar in Sicherheit gebracht, die heute aus Arbeitslosen Attentäter machen.

Die größte Macht auf Erden hat sich eingeigelt

Und die Amerikaner? Hoch trainiert und in der ersten Phase brillant geführt, erscheint diese Berufsarmee wie gelähmt. Sie reagiert kaum, attackiert noch seltener – so, als sei die Truppe nur zum Schutz ihrer selbst da. Der Eindruck verdichtet sich, wenn man am Bagdader Flughafen in einen Black Hawk- Hubschrauber umsteigt, weil der Landweg zu gefährlich ist, und nach fünf Minuten in der Green Zone landet, dort, wo im monströsen Republikanischen Palast die Militär- und Zivilverwaltung residiert.

Die Grüne Zone, etwa ein Fünftel Bagdads, wirkt wie ein staubüberzogener Wiedergänger der "Hauptstadt der DDR": schnell hingepflanzte Betonmauern an der flussabgewandten Seite, Maschinengewehrtürme, ein Betonblock-Parcours an der Zufahrt, der Sprengstoff-Vehikel stoppen soll. Die größte Macht auf Erden hat sich eingeigelt, Bagdad ist zweigeteilt, und Passierscheine gibt es nicht. "Wegen der erhöhten Alarmstufe", sagt der Begleitoffizier, "können wir Sie nicht auf der Straße herumlaufen lassen."