Oh, wer sich einmal auf den Kopf sehen könnte! Das ist eins von meinen Idealen. Mir wäre geholfen. Und dann – und dann noch unendlich viel der Art. – Bin ich ein Müßiggänger? Habe ich jetzt keine Beschäftigung? – Ja, es ist traurig…" Wie mit halbgeschlossenen Augenlidern spricht der österreichische Schauspieler Oskar Werner seinen Leonce, beginnt er Georg Büchners Lustspiel vom romantischen Hedonisten, setzt eine Hörspielfassung von 1957 ein, die unter der Regie von Gert Westphal die legendäre Inszenierung des Wiener Burgtheaters bewahrt.

Ach, hätten wir damals in der Schule doch diese Fassung gehört. Wir hätten verstanden, welch halbstarkzarter Ton dieses Theaterstück von 1836 trägt, welch subversiven Witz und anarchistischen Humor es besitzt, woher die Marx Brothers ihre Wortverdrehungen hatten und warum das Action-Theater mit Rainer Werner Fassbinder Leonce und Lena zu einer seiner ersten Aufführungen wählte. Hätten wir damals die tiefe Lebensmüdigkeit des Prinzen Leonce verstanden, hätten wir Sartre und Camus nicht ganz so originell gefunden, und das hochzeitliche Happy End mit Lena wäre uns nicht so verheißungsvoll erschienen. "Wir lassen alle Uhren zerschlagen, alle Kalender verbieten und zählen Stunden und Monden nur nach der Blumenuhr, nur nach Blüte und Frucht. Und dann umstellen wir das Ländchen mit Brennspiegeln, daß es keinen Winter mehr gibt und wir uns im Sommer bis Ischia und Capri hinaufdestillieren und das ganze Jahr zwischen Rosen und Veilchen, zwischen Orangen und Lorbeer stecken."

Dieses Hörbuch ist auch eine Gelegenheit, sich dieses singenden Tonfalls zu erinnern – müde arrogant, müde leidenschaftlich –, der Oskar Werner (1922 bis 1984) zum virtuellen Gegenpart Klaus Kinskis machte, ebenso exzessiv und unbedingt wie dieser, nur hinter dem Spiegel sprechend. Den meisten ist er als Schauspieler in François Truffauts J ules und Jim bekannt, vielen aus Fahrenheit 451, und manchen als ewiger Hamlet, seine Präsenz dominiert selbst so große Partner wie Werner Krauß (Valerio) oder Gertrud Kückelmann (Prinzessin Lena). Keiner spricht das so glaubhaft beiläufig: "Was die Leute nicht alles aus Langeweile treiben! Sie studieren aus Langeweile, sie beten aus Langeweile, sie verlieben, verheiraten und vermehren sich aus Langeweile und sterben endlich aus Langeweile, und – das ist der Humor davon – alles mit den wichtigsten Gesichtern… Alle diese Helden, diese Genies, diese Dummköpfe, diese Heiligen, diese Sünder, diese Familienväter sind im Grunde nichts anderes als raffinierte Müßiggänger."

Wer, noch jung, die Geschichte nicht kennt vom Prinzen Leonce und seinem Freund Valerio, der sein Narrenleben nur alkoholisiert ertragen kann, wer nichts weiß vom Plan des Königs, den missratenen Sohn Leonce mit der Prinzessin Lena zu verheiraten, dem bleibt der märchenhafte Plot auch im Laufe des Stücks Nebensache. Es ist jene grandiose Mischung aus Poesie, Sprachwitz und Philosophie, die wie ein Kultalbum wirkt, im Kopfhörer, im Walkman, repeat, repeat, repeat. Welch schöne Vorstellung, in der U-Bahn zu sitzen, den Blick auf die Plastikbänke, die verglasten Reklameplakate und TV-Monitore, und im Ohr zu hören: "Er war so alt unter seinen blonden Locken, den Frühling auf den Wangen und den Winter im Herzen."

Wo früher das müdgelbe Reclam-Büchlein in der Tasche zur Verteidigung gegen die Zumutungen der Welt half, bietet sich nun Leonce und Lena an: Ebenfalls in dieser Reihe DAV-Pocket, mit schlichten einfarbigen Pappheftchen zum Aufklappen, eine CD für 7,95, zwei CDs für 9,95 Euro. Virginia Woolfs Die Wellen in einer Hörspielfassung von 1962 (mit Gert Westphal, Gustl Halenke u. a.) zählt ebenso dazu wie Ernest Hemingways Schnee auf dem Kilimandscharo von 1977 (mit Rosemarie Fendel, Peter Lieck u. a.) oder Theodor Fontanes Unterm Birnbaum von 1948 (mit Michael Konstantinow, Herta Stiegler-Schmähl u. a.), meist Produktionen des Süddeutschen Rundfunks. Marianne Hoppes strenge Stimme liest Goethes Das Märchen, eine "erzählte Oper", wie Novalis schrieb, Heinrich von Kleists Michael Kohlhaas kommt als Hörspiel von 1953, mit Walter Richter und Heinz Schimmelpfennig, und die Hörspielfassung von Franz Kafkas Das Schloss atmet die drückende Atmosphäre des Originals, der Musik von Bernd Scholz ebenso geschuldet wie der Stimme Gert Westphals als K.

Vielleicht entwickelt sich hier so etwas wie eine preiswerte Universal-Hörbibliothek, und dann setzen wir uns – mit Valerio alias Werner Krauß in "den Schatten und bitten Gott um Makkaroni, Melonen und Feigen, um musikalische Kehlen, klassische Leiber und eine commode Religion".