Einen Intellektuellen, sagte Roland Barthes, lasse er sich nicht nennen, nur schimpfen. Diese Aussage kommt mir zweischneidig vor: Einerseits entgeht der Autor mit ihr der gigantischen Dummheit des Satzes: "Ich bin ein Intellektueller!" Wer sich so vorstellt, ist keiner. Also hat die Maxime, Intellektueller will ich nicht genannt, sondern nur geschimpft werden, doch etwas mit dem Anspruch zu tun, ein Intellektueller zu sein. Es gibt dafür noch einen Grund: Ein veritabler Intellektueller ist auch dadurch definiert, dass man ihn "Intellektueller" schimpft – der Antiintellektualismus ist sein identitätsstiftender Widerpart. Damit nicht genug: Es gibt, wie es ja immer Menschen gibt, die mit Recht ihresgleichen nicht leiden können, auch antiintellektuelle Intellektuelle. Bei solchen Komplizierungen schadet es nie, wenn man mit Eleganz Indifferenz an den Tag legt. So sagte Foucault, er kenne Leute, die schreiben, malen, denken, aber einen Intellektuellen kenne er nicht…

Ich glaube, wer schreibt, malt oder denkt, tut gut daran, den Begriff des Intellektuellen zu umgehen. Der Begriff ist an Erwartungshaltungen gebunden, die leicht in Vorschriften ausarten. Sogar mir hat man einmal zu verstehen gegeben, wenn ich weiterhin für einen "kritischen Geist" gehalten werden möchte, dann müsse ich das und das tun und dieses und jenes unterlassen. Ich will aber überhaupt nicht gehalten werden, und das, was bei vielen als "kritischer Geist" gilt, erscheint mir ziemlich gespenstisch. Umberto Eco berichtet in einem jüngst erschienenen Büchlein, das zwölf seiner Streichholzbriefe aus den Jahren 2000 bis 2003 umfasst, von einem Kongress, der von der Gewerkschaft CGIL organisiert wurde: "Ich war zu dem Kongress in der Befürchtung gegangen, dass wieder einmal, wie so oft, eine politische Organisation sich von einigen ‚Intellektuellen‘ sagen lassen wollte, wie es mit diesem Land weiter gehen soll. Nun muss man wissen, dass es nichts gibt, was mich mehr aufbringt (aber mich im Grunde auch belustigt, wenn nicht ich der Befragte bin), als mitanzusehen, wie Intellektuelle als Orakel benutzt werden."

Das Buch, aus dem das Zitat stammt, ist von Burkhart Kroeber zusammengestellt, übersetzt und bei Hanser herausgegeben; es hat in meinen Augen einen genialen Titel: Gratis-Prophezeiungen. Ich lese den Titel mit einem Doppelsinn: Wird zum Beispiel ein Intellektueller von der Gewerkschaft eingeladen, um zu prophezeien, wie es mit dem Land weitergehen soll, dann erhält er ein Honorar dafür. Aber ein ironischer Gentleman-Denker könnte, nachdem er die erkleckliche Summe eingestrichen hat, sagen: Das hättet ihr auch gratis haben können – ich hab’s euch oft gesagt, als Orakel bin ich nicht von Wert. Andererseits aber sind Gesellschaften, in denen Propheten notwendig werden, nicht vom Glück gesegnet. Ihre Prophezeiungen, vor allem wenn sie eintreffen, kommen teuer. Gott sei Dank sind Intellektuelle billiger; sie haben, so wie Eco manchmal, leicht erhältliche, nur ihnen zustehende Satzbausteine: "Schon Rousseau hielt es für ausgeschlossen, dass…" Das ist eher abstrakt, manchmal wird man eher konkret: "Stille ist ein Gut, das langsam verschwindet, auch aus den eigens für sie bestimmten Orten." Gut kenne ich diese Orte – es sind die Gemeinplätze. Dort treffen wir auch: "Viele unserer Verhaltensweisen werden uns von den Massenmedien nahegelegt."

Nichts könnte schnöder sein, als dem großen Autor solche Fundstücke vorzuhalten. Die Art und Weise, wie er damals auf dem gewerkschaftlich organisierten Kongress den Begriff des Intellektuellen eingrenzte (und ihn halbwegs wieder fruchtbar machte), ist ebenso beispielhaft wie unnachahmlich: wenige Worte, aber niemals überkonzentriert, leicht in den schwierigsten Passagen, auf eine freundliche Weise eitel, aber nichts von der Sache seiner Eitelkeit opfernd. Nach Eco hat der Intellektuelle vor allem die Gruppe, der er selber angehört, zu kritisieren, also nicht die Feinde, sondern die Freunde. Der von seiner Gruppe gehätschelte Intellektuelle ist eine Schreckensgestalt. Ecos Streichholzbriefe halte ich für eine wunderbare Gattung: Sie unterhalten und belehren zugleich; in ihrer Kürze und Themenvielfalt stacheln sie das Denkvermögen an, sie sind die ideale Übung für schwerere intellektuelle Aufgaben, als sie es selber sind.