Komm nicht näher. / Lass dich nicht mit mir ein. / Liebe mich nicht! / Sei gewarnt! / Ich bin Jinx. Verhext." Mit dieser verzweifelten Abwehrgeste beginnt die ergreifende Geschichte von dem Mädchen Jen, das zu Jinx, der Verhexten, wird, doch am Ende zu sich selbst, zu einer neuen, erwachsenen Jen findet.

Der Vorhang öffnet sich, und der Leser fühlt sich wie im Kino oder in einem Theaterstück, in dem ein Erzähler die Akteure vorstellt, bevor sie schließlich selbst erscheinen und die Handlung einsetzt. Durch die unterschiedlichen Perspektiven entsteht eine faszinierende Spannung zwischen Distanz und Nähe, zwischen Aktion und Passivität. Da sind Jen und ihre beiden Freunde Charlie und Ben, da sind aber auch Jens Freundinnen und Eltern, und da erscheint am Ende ihre neue Liebe Pete, der Jinx wieder in Jen verwandelt.

Die für ein Jugendbuch ungewöhnliche, literarische Form der rhythmischen Prosa fällt zuerst ins Auge, wenige Zeilen auf den weißen Flächen der Seiten, die dadurch dem spärlichen Text noch mehr Gewicht verleihen. Was zwischen den Zeilen, was an den Leerstellen steht, passiert im Kopf des Lesers, steigert die Dichte und suggestive Kraft des Romans und zwingt, das scheinbar Unbegreifliche zu entschlüsseln.

Es ist die Kunst der Autorin, mit erstaunlich wenigen, aber umso eindringlicheren Worten Porträts dieser ganz unterschiedlichen Menschen zu entwerfen – Erwachsene, Kinder, jeder für sich so liebenswert und einmalig, wie Jens behinderte Schwester Grace, von der es heißt: "Mongoloid: / Dschingis-Khan-Wort / Strumpf-über-dem-Gesicht-Wort / Brutal / Aber lebendig. // Down-Syndrom: / Zungenbrecherisch / Medizinisch nebulös / Verschwommen / Aber netter." Grace ist es, die in ihrer ungebrochen warmherzigen Weisheit die Not und innere Einsamkeit der anderen erkennt, von Charlie etwa, bevor er sich das Leben nimmt, von Ben, bevor er tödlich verunglückt.

Da ist der Vater, den Jen "Ratte" nennt und hasst, weil er davonlief, als ihre Schwester Grace unvollkommen zur Welt kam, und dem sie doch am Ende verzeihen kann, weil auch er sich verändert hat, nicht zuletzt dank Grace, die ihn trotz allem vorbehaltlos liebt. "Ich weiß, dass sie mich Ratte nennt. / Erst hat es wehgetan. / Aber jetzt höre ich eine gewisse Zärtlichkeit heraus."

Und dann diese Mutter – so ganz anders als die üblichen pädagogischen Mütter in der Jugendliteratur. Ganz nebenbei lebt Jens Mutter ihre eigene, unglückliche Liebesgeschichte, die sie stark und lebendig macht. "Es passiert nicht oft, / und daher war es wunderbar, / verliebt zu sein / (selbst wenn, verdammt, die Liebe unerwidert blieb)." Nie bevormundet, ermahnt, verurteilt sie ihre Tochter, immer ist sie einfach für sie da, auch als diese sich an Charlies Tod schuldig fühlt und vom braven Mädchen zur "Schlampe" zu werden droht. "Jen weiß, was in der Schule manche Mädchen / Über sie sagen: / Sie sei eine Schlampe. / Das Wort hat etwas Schmieriges, Sexuelles: / Schlampe / Scharte / Spalte. (Wie viel schöner im Englischen: "The word is so juicily sexual: / slut / slot / slit.")

Wohl selten wurde in der Jugendliteratur das ganze Spektrum gewaltiger Gefühle wie Verzweiflung und Selbsthass, Einsamkeit und Trauer, Liebe und Verzeihen mit so knappen Worten und ohne jedes Klischee, dabei so poetisch und ergreifend beschrieben wie in diesem großen Roman aus Australien, so einfühlsam übersetzt.

Das nabelfreie Girlie-Cover des Buches wird zwar vielen Jugendlichen gefallen, allein, es entspricht wenig der Poesie und Zärtlichkeit, die den Reiz dieses Romans ausmachen. Doch wodurch auch immer man zu diesem Roman verführt wird, man bleibt gefangen und bereichert, egal, was man erwartet hat.