Charlottes Opa hat einen roten Buntstift. Mit dem kann er zaubern. Was ihm missfällt, das streicht er einfach durch. Sein erstes Opfer, noch als Kleinkind, ist der Laufstall. Zack, zack, Strich, Strich, und schon ist das verhasste Gefängnis weg. Schule und Lehrerin bekommen ihr Kreuz, und später, inzwischen ist er Buntstiftmaler von Beruf, zählen auch die Bank und ein Angestellter zu seinen Opfern – er hatte keinen Kredit bekommen.

Der Illustrator Wilhelm Schlote malt wie einer, der sich nichts sagen lassen will. Seine Striche sind ungezügelt schief, unbändig krumm, er erzählt in dem ihm eigenen wilden Krickelkrakel-Malstil auf sonnengelbem Grund eine Geschichte voller Poesie – Mein Opa hat die Taschen voller Buntstifte –, doch seine Idee, Unliebsames mit einem Handstrich zu liquidieren, wirkt zynisch. Lässt er Dinge wie einen Laufstall oder ein Bankgebäude verschwinden, darf man in dieser Tat noch kindlich-anarchistische Lust sehen, aber die Lehrerin, den Bankangestellten?

Doch mit demselben roten Buntstift, mit dem er seine Kreuze macht, erfüllt sich Charlottes Großvater auch seine Träume. Er malt sich eine vollbusige Frau, einen dicken, kurzbeinigen Hund, einen Zirkus und ist glücklich. Dann zeichnet er eine rote Linie in den Himmel, und seine Frau, Charlottes Oma, tanzt darauf. Gibt es eine schönere Liebeserklärung?

Als der Opa alt wird, nimmt ihm die Enkelin heimlich die Buntstifte weg, um zu verhindern, dass er sich ein Propellerflugzeug malt und damit in den Himmel fliegt, wenn er sterbensmüde wird. Auch das ist eine naiv-anrührende Vorstellung, aber so radikal Wilhelm Schlote Kreuze austeilt, so vehement negiert er, dass der Tod zum Leben gehört. Das Unliebsame zum gern Gemochten, das Sympathische zum Gehassten. Kein Hell ohne Dunkel – das ist die Lektion. Da kann uns Wilhelm Schlote kein X für ein U vormachen.