Die neunziger Jahre gelten in Japan als das "verlorene Jahrzehnt". Nachdem Tokyos Aktien- und Immobilienblase im Jahr 1991 geplatzt war, geschah zehn Jahre nichts, was die verkrusteten Strukturen verändert und das Land wieder konkurrenzfähiger gemacht hätte. Dann aber glaubten die Japaner, endlich einen Retter aus der Dauerkrise gefunden zu haben: Junichiro Koizumi. Vor zwei Jahren war der Außenseiter in der seit 1955 nahezu ununterbrochen regierenden Liberaldemokratischen Partei (LDP) gegen den Willen der Parteiführung zum Premier aufgestiegen. Die Parteibasis hatte ihn im Sommer 2001 zum LDP-Vorsitzenden gewählt, damit wurde er Regierungschef.

"Ich bin bereit, meine Partei zu zerstören, wenn das für die Durchsetzung von Reformen notwendig ist", verkündete der neu gewählte LDP-Chef im Stile eines Palastrevolutionärs. Die Japaner fanden das mutig und gaben Koizumi den Beinamen "Löwenherz". Schon bald nach seinem Amtsantritt war Koizumi einer der populärsten Premierminister seit 1945.

Doch kurz vor der ersten Parlamentswahl, der sich Koizumi jetzt stellen muss, wartet das Land immer noch auf die versprochenen Reformen. Seit er auf der Welle der Popularität zu reiten begann, galt die Privatisierung der Post als sein politisches Steckenpferd. Die in Japan grün geschmückten Ämter mit ihren kleinkrämerischen Angestellten und umständlichen Prozeduren stehen geradezu symbolisch für die landauf, landab in dörflichen Strukturen verankerte LDP-Herrschaft mit ihrer Klientel der Bauern und Kleinunternehmer. Doch wer hoffte, dass mit dem neuen Premier in Japan nun endlich die Post abgehen würde, sieht sich inzwischen getäuscht. "Die zuständige Kommission wird im nächsten Jahr einen Plan vorlegen", lautet heute Koizumis Wahlversprechen in Sachen Postreform.

Ähnliches gilt auch für andere Vorhaben. Renten- und Steuerreform sind in den Ministerien stecken geblieben. Die anfänglich drastischen Pläne zur Reduzierung der Ausgaben für öffentliche Bauvorhaben hat die Regierung aufgegeben. Noch immer werden in Japan Straßen, Brücken und Tunnel gebaut, die selten ein Toyota passiert. Dennoch geht die Arbeitslosigkeit nicht zurück. Es gibt kein bedeutendes wirtschaftspolitisches Reformvorhaben, bei dem die Partei ihrem Premier den Rücken stärkt.

Der Premier gibt das offen zu: "Die große Mehrheit der Partei ist gegen mich. Aber alle wissen, dass sie die Wahlen nicht gewinnen können, wenn sie mich stürzen." Mit diesem Siegesbewusstsein zieht er in die Parlamentswahlen am Sonntag. Jedem ist klar: Gegen eine LDP mit dem Reform-Darsteller Koizumi an der Spitze hat die Opposition keine Chance. Schon gilt als ausgemacht, dass der Premier sein Amt länger bekleiden wird als alle Vorgänger seit Yasuhiro Nakasone, der Japan von 1982 bis 1987 regierte.

Auf diese Weise aber stützt der Premier ein verrottetes politisches System, das er eigentlich bekämpfen wollte. Den Wählern entgeht nicht, dass Koizumi mit eigenen Plänen gegen die Reformgegner in der LDP antritt. Deshalb verliert der Premier nur wenig an Popularität. Die Partei aber verteidigt hinter den Kulissen die Interessen ihrer alten Klientel – bis Wahlen vor der Tür stehen. Dann trommelt Koizumi noch lauter für Reformen, und auf einmal unterstützen ihn auch seine Parteifeinde – bis die Wahl gewonnen ist und das alte LDP-System weiterregieren kann.

Erkennbarer wird Koizumis Einfluss erst auf Politikfeldern, die unter LDP-Politikern als Nebenschauplätze gelten. Zu ihnen zählt die Außen- und Verteidigungspolitik. Hier hat der Premier neue Pfähle eingeschlagen: mit einem Irak-Gesetz, das erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg die Entsendung japanischer Soldaten in ein Krisengebiet erlaubt, und mit einer Art Notstandsgesetz im Zuge der Terrorismusbekämpfung, das Japan auf Kriegssituationen vorbereitet. Zugleich hat Koizumi, der aus Yokosuka stammt, einem der bedeutendsten US-Marinestützpunkte im Pazifik, den Irak-Konflikt genutzt, um sein Land deutlicher denn je an der Seite der Vereinigten Staaten zu positionieren. "I shall stand with you", flüsterte er US-Präsident George W. Bush bereits im September 2002 ins Ohr. Dabei sprachen sich zeitweise 80 Prozent der Japaner gegen einen Irak-Krieg aus.

Mit 61 Jahren stammt Koizumi aus einer Generation, die den Zweiten Weltkrieg nicht mehr bewusst miterlebte, sich aber sehr wohl des Chaos der Nachkriegszeit entsinnt, in dem die amerikanische Besatzungsmacht lange Zeit als einziger Ordnungsfaktor erschien. Damals wurde den Nachkommen der einflussreichen japanischen Politikerfamilien – Koizumis Vater war in den sechziger Jahren Verteidigungsminister – ihre Folgsamkeit gegenüber Washington eingeimpft. Doch zugleich entstand der Wunsch, die Unterwerfungshaltung eines Tages abzulegen, und mit ihm ein lange Zeit unterdrückter Groll auf die von Amerika nach Kriegsende diktierte "Friedensverfassung", die Japan jede Form der Kriegsführung verbietet. Hier aber bietet sich Koizumi nach einem überwältigenden Wahlsieg am Sonntag möglicherweise die Chance, den, wie der Philosoph Shuichi Kato meint, "Lebenstraum der japanischen Nachkriegsrechten" zu verwirklichen. Eine Änderung des Friedensartikels in der japanischen Verfassung könnte so zum Meilenstein seiner zweiten Amtszeit werden.