Das hatte sich die CDU-Führung so schön einfach gedacht. Ihrem Abgeordneten Martin Hohmann, der in einer Rede zum Tag der Deutschen Einheit über die Juden als ein "Tätervolk" räsoniert hatte, erteilte sie eine "Rüge". Und hoffte, eine Auseinandersetzung mit antisemitischen Ideen in den eigenen Reihen hätte sich damit erledigt.

Doch schon einen Tag später war es mit der Illusion vorbei, Hohmann bereue seine Auslassungen über die vermeintliche jüdische Urheberschaft des bolschewistischen Terrors: als bekannt wurde, dass er einen Brief des Bundeswehr-Brigadegenerals und Kommandeurs der KSK, Reinhard Günzel, an das Fernsehen weitergegeben hat. Darin hatte sich Günzel bei Hohmann für dessen "ausgezeichnete Ansprache" bedankt. Günzel wurde von Verteidigungsminister Peter Struck umgehend gefeuert. Doch auch Struck blies sogleich wieder ins Horn der Verharmlosung. Bei Günzel handele es sich um einen "einzelnen verwirrten General", der "einem einzelnen noch verwirrteren CDU-Abgeordneten aufgesessen ist". Hohmanns Rede ist jedoch nicht "verwirrt". Sie bemüht absichtsvoll und systematisch historische Halbwahrheiten, um zu einer umfassenden Entsorgung der deutschen Geschichte zu gelangen. Aufbau und Tonfall der Rede verraten Hohmanns Nähe zu rechtsradikalen und rechtskonservativen Milieus, die sich im Umkreis von Zeitschriften wie der Jungen Freiheit und in Vereinigungen wie dem Arbeitskreis konservativer Christen vermischen.

Hohmann spricht im charakteristischen Gestus der neuen Rechten, die ihre Verdrehungen historischer Tatsachen als mutiges Aufdecken unterdrückter historischer Wahrheiten verkauft. Das Körnchen Wahrheit in seinen Auslassungen über die "Täterschaft der Juden" ist der Umstand, dass es in der Frühphase der russischen Revolution im bolschewistischen Apparat – in Relation zu der jüdischen Gesamtbevölkerung Russlands – überdurchschnittlich viele Funktionäre jüdischer Herkunft gegeben hat. An der Gesamtzahl bolschewistischer Funktionäre gemessen, waren sie gleichwohl eine Minderheit. Im Verlauf der Entwicklung der Sowjetunion richteten sich Säuberungen und Terror dann gezielt auch gegen Juden. Über diese Zusammenhänge gibt es eine reichhaltige historische Forschung, die jedem zugänglich ist.

Hohmann stützte sich in seiner Rede aber nicht auf seriöse historische Quellen, sondern auf ein Pamphlet des Autofabrikanten und notorischen Antisemiten Henry Ford, der "die Juden" schon kurz nach dem Ersten Weltkrieg als Drahtzieher der kommunistischen Revolution ausfindig gemacht haben wollte. Hängen bleiben sollte bei Hohmanns Zuhörern ja nur, dass auch Juden schon Untaten begangen hätten, und zwar bereits früher als die Deutschen. Daraus nun wieder schlussfolgert Hohmann, Juden und Deutsche hätten sich gegenseitig nichts vorzuwerfen, seien gewissermaßen historisch quitt.

In das rhetorische Schema der neuen Rechten passt auch, dass Hohmann die Denunziation "der Juden" als ein "Tätervolk" gleich wieder zurücknimmt. Er sagt eben nicht, dass die Juden ein Tätervolk seien, sondern nur, dass man sie "mit einem gewissen Recht" so nennen könnte. Sie hätten das aber ebenso wenig verdient wie die Deutschen. Sein Ziel, die Gleichsetzung von deutscher und angeblicher jüdischer Schuld, hat Hohmann damit erreicht, ohne sich Rückzugsräume für Ausflüchte und "Entschuldigungen" zu verbauen. Er selbst hat ja "die Juden" nachweislich nie ein "Tätervolk" genannt.

In einer letzten Wendung seiner Rede spricht Hohmann "die Juden" dann doch von ihrer Täterschaft frei: Er merkt an, die jüdischen Bolschewiken seien ja, bevor sie ihre Untaten begingen, vom jüdischen Glauben abgefallen. Auch an dieser Stelle zieht er sogleich die Parallele, auf die es ihm ankommt. Genauso habe es sich bei vielen Nationalsozialisten um Christen gehandelt, die der "Gottlosigkeit" verfallen mussten, um zu Tätern zu werden. Die abstruse Schlussfolgerung Hohmanns lautet, man könne die "Gottlosen" aller Richtungen und Nationen als das wahre "Tätervolk" des 20. Jahrhunderts bezeichnen – was ihm eigentlich eine Beleidigungsklage auch von konfessionslosen Menschen eintragen müsste.

Ebenso wenig wie Hohmann hat auch der Brigadegeneral Günzel keineswegs eine isolierte Einzelmeinung geäußert. Seine im Brief an Hohmann aufgestellte Behauptung, "dass Sie mit diesen Gedanken der Mehrheit unseres Volkes eindeutig aus der Seele sprechen", mag übertrieben sein. Fest steht aber, dass antisemitische Ressentiments an den Rändern der politischen und gesellschaftlichen Mitte längst hoffähig geworden sind. Dieser neue Antisemitismus gibt sich einen gemäßigten Anstrich, indem er nicht mehr sagt: "An allem sind die Juden schuld", sondern: "Die Juden sind auch nicht weniger schuld als wir." Seinen wachsenden Einfluss müssen sich die demokratischen Parteien endlich eingestehen – und handeln.