I ovis omnia plena." – "Voll von Zeus ist alles", heißt es bei Vergil. In Gegensatz zu der Götterfülle einer mythisch durchwalteten Welt leben wir in der Götterleere einer "entzauberten" Wirklichkeit, um das berühmte Stichwort Max Webers aufzugreifen. Von der Rückkehr der totgesagten Götter in den periodischen Schüben der kollektiven Erinnerung handelt der neue Essay von Roberto Calasso, dem italienischen Götterliebhaber und literarischen Götterliebling. In seinem Buch Die Hochzeit von Kadmos und Harmonie (1990) hat er die griechischen Mythen neu erzählt: Auf irritierende, ja schmerzhafte Weise, wollte er sie doch nicht als geschlossene Erzähleinheiten à la Gustav Schwab wiedergeben, sondern in der ganzen Widersprüchlichkeit ihrer vielfältigen Traditionen. Poetologische Arbeit am Mythos!

Die Götterspeise, die Calasso uns nun als Dessert zu seinem großen Erzählwerk serviert, ist ein Essay über das Verschwinden der Götter in der rationalistischen Moderne und ihr Wiedererscheinen in deren Gegenbewegungen, welche mit der Wiederverzauberung der Welt liebäugeln. "Die Welt – es ist an der Zeit, es auszusprechen, auch wenn viele es nicht gern hören werden – hat durchaus nicht die Absicht, sich völlig zu entzaubern, und sei es auch nur, weil sie sich, gelänge es ihr, zu sehr langweilen würde." Aber nicht nur das! Wer das Gras des Mythos nicht "zwischen den grauen, mächtigen Platten des Denkens" wachsen sieht, wer die sich drängenden Stimmen hinter den "wackligen Kulissen dessen, was sich ,Wirklichkeit‘ nennt", nicht hören will, wird seine böse Überraschung erleben. "Wenn niemand sie anhört, rauben sie dem Erstbesten die Kleider und stürmen auf die Bühne. Das kann verheerende Folgen haben, denn gewalttätig ist vor allem das, was kein Gehör gefunden hat."

Calasso geniert sich vor gar nichts. Er beruft sich mit größter Unbefangenheit selbst auf Heidegger, ohne sich mit deutschem Blick ängstlich nach rechts und links umzuschauen. Freilich: Calasso will gar nichts von einer Remythisierung der Welt als einer "Volks"-Bewegung wissen, deren dubiose Folgen in der neueren Geschichte ihm wohl bekannt sind. Er verwirft deshalb schon die Volks- und Gemeinschaftsidee in den Programmen einer "neuen Mythologie" im Umkreis der deutschen Romantik. Doch das ändert nichts daran, dass er zumal in Hölderlin und Novalis die großen Retter der Götter sieht – in dem einzig legitimen Sinn ihrer Wiederbelebung, nämlich als konstituierende Versammlung der "absoluten Poesie".

Die Götter können in hymnischem Ernst wie bei Hölderlin wiedererscheinen oder in parodistischem Scherz wie bei Heinrich Heine. Incipit parodia lautet ein Kapitel in Calassos Essay. Im Gelächter kehren die Götter wieder, nachdem der Ernst des Lebens sie vertrieben hat – in einem ernsthaften Gelächter freilich, das eine Besonderheit der Moderne zu sein scheint, die vielfach nur in komischem Gewande ernst zu sein vermag.

Calasso geht es nicht um die Wahrheit des Mythos, um den Titel des epochalen Buchs von Kurt Hübner (1985) zu zitieren. Die verdeckten und vergessenen Spuren des Mythos in der modernen Erfahrungswelt, ganz zu schweigen von seinem Fortwirken in der Religion, interessieren Calasso nicht allzu sehr. Und die Psychoanalyse mit ihrer Pathologisierung des Mythischen scheint ihm gar ein Graus zu sein. "Die Götter sind Krankheiten geworden", zitiert er C. G. Jung. Der Rekurs auf sie steht demgegenüber bei Calasso im Dienste einer Apologie der "absoluten Literatur". Sie soll die "List" sein, die Götter aus der "universalen Klinik", das heißt von der Psychoanalyse, zu befreien.

Was aber ist "absolute Literatur"? Sie ist "selbstreferentiell" und leitet uns an, "durch das, was nie zuvor gehört wurde, zu sehen, was man sonst nicht sehen würde", beansprucht also, ein Wissen zu bergen, das nur durch sie erlangt wird, ein Wissen, "das der Suche nach einem Absolutum gleichkommt – und deshalb nicht weniger das Ganze involvieren kann. Zugleich ist es ein ab-solutum, losgelöst von allen Banden des Gehorsams oder der Zugehörigkeit, von jeder Zweckbestimmung gegenüber dem Gesellschaftskörper", dessen Ideologie, das "Soziale", die Religion im Laufe des 19. Jahrhunderts überlagert, ersetzt hat. Ihr gegenüber sollen die Jünger der absoluten Literatur zu einer neuen "Gemeinschaft der Heiligen" zusammentreten.

Mustertext der absoluten Literatur ist für Calasso Novalis’ – vollständig zitierter – Monolog über "das Eigenthümliche der Sprache": "daß sie sich blos um sich selbst bekümmert", "eine Welt für sich" ausmacht. Hier trete uns die absolute Literatur in ihrer ganzen Kühnheit entgegen: "verantwortungslos, verwandlungsfähig, durch keine polizeiliche Identitätskontrolle dingfest zu machen". Das "heroische Zeitalter" der absoluten Literatur beginne 1798 mit dem Athenäum, der deutschen Romantikerzeitschrift, und ende 100 Jahre später, 1898, mit dem Tode von Mallarmé. Der Autor des 20. Jahrhunderts, der am rigorosesten an dieses heroische Zeitalter anknüpft, ist für Calasso Gottfried Benn in seiner "monologischen Kunst". Kunst ist für ihn wie für Benn die finale religiöse Erscheinungsform. Das Wort der modernen Poesie als letzte Epiphanie der Götter "im leeren Raum um Welt und Ich".

Das alles sind für den deutschen Leser nicht ganz unvertraute Gedanken. Ihn mag auch die wort- und satzverliebte Rhetorik, die elliptische Argumentationsweise Calassos hin und wieder irritieren. Zwischen deutschem und italienischem Argumentationsstil gibt es eben bedeutende Unterschiede. Wer sich aber gern durch Seitenblicke auf die schöne Landschaft rechts und links ablenken lassen will, wird durch die Concetti und Digressionen Calassos aufs Reichste dafür entschädigt, dass er bisweilen vom Weg abkommt und nicht mehr weiß, wo er sich befindet. Schön ist es schließlich auch im Niemandsland.