Wer’s nicht am Hals hat, hat’s in den Ohren: Mit den Erkältungen kommt das Gejammer. Es ist jeden Herbst dasselbe. Wohin man schaut, Menschen, die schniefen, husten und schneuzen. Können die nicht daheim bleiben, denkt man, wenn man das Glück hat, gerade nicht zu ihnen zu zählen. Das ist nicht nett und nicht einmal vernünftig, denn die meisten Infektionskrankheiten sind am ansteckendsten, bevor die Symptome sich zeigen. Man vergrätzte mit bösen Blicken wohl bloß jene Unentwegten, die sich mit letzter Kraft an den Arbeitsplatz schleppen und so das moribunde Gesundheitswesen entlasten.

Manchmal freilich nähren die Kranken den Unmut der Gesunden, indem sie ihr Leiden vor sich her tragen. Das beginnt mit Unappetitlichkeiten wie der Verwendung fadenscheinigster Taschentuchfetzen – von anderen Formen der Nasenreinigung gar nicht zu reden. Es führt aber auch zu einem Übel, das sich so epidemisch ausbreitet wie die Infektionen selbst: dem Reden darüber.

"Siehst du aber schlecht aus", lautet der saisonale Gruß, und die geläufige Antwort bildet ein Wortschwall, der begreiflich macht, warum Ärzte so wenig Zeit für ihre Patienten haben. Dabei interessiert sich kaum jemand für die Krankheiten anderer Leute. Aber so ist man das aus Kindertagen gewohnt: Wer krank war, wurde gehätschelt. Er empfing wie ein König Besucher und erteilte Auskunft über sein Befinden. Leiden, so lernt man, macht nicht nur bemitleidenswert, sondern auch interessant.

Diesen Trost möchten Erwachsene nicht missen. Wer sich schon selbst gesund pflegen muss, erwartet von den anderen zumindest Anteilnahme und Verständnis. Er bekommt es ja auch. Die Sache hat nur einen Haken: Mit dem Mitleid halten es die meisten Leute ökonomisch. Was sie hier schenken, ziehen sie anderswo wieder ab. Effektvolle Schilderungen der eigenen Gebrechen bringen zwar manches aufmunternde Schulterklopfen – aber mit gestrecktem Arm und Händewaschen hinterher.

Am besten hält man sich darum an die Faustregel, körperliche Beschwerden, die man nicht vorzeigen würde, auch tunlichst nicht zu erwähnen. Bei verbreiteten Krankheiten weiß der andere ohnehin Bescheid, bei exotischeren läuft man Gefahr, ein Leben lang als "der mit dem Furunkel" im Gedächtnis zu bleiben. Etwas leichter haben es in dieser Hinsicht die Opfer von Leiden, die "nur" wehtun, denn Schmerz hat den Vorzug, weder ekelerregend noch ansteckend zu sein. Handelt es sich dann noch um eine Volkskrankheit wie Rheuma oder Migräne, ist man fast in der Pflicht, mit den eigenen Erfahrungen anderen zu helfen. Doch selbst da bleibt Vorsicht ratsam. Böswillige Zuhörer könnten denken, dass auch jene Menschen, die im Rentenalter von ihren Hämorrhoiden erzählen, irgendwann einmal klein angefangen haben.

In Ostasien begegnet man Schnupfenwellen mit einem Mundschutz, der neben der hygienischen auch eine soziale Funktion erfüllt. Wer ihn trägt, zeigt diskret an, dass er als Kranker Rücksicht nimmt, Rücksicht braucht und darüber hinaus kein Aufhebens machen möchte. Man darf vermuten, dass so ein Tuch neben den infektiösen Tröpfchen auch manche verzichtbare Klage auffängt. So etwas sollte es überall geben, für weniger beherrschte Europäer vielleicht mit der Aufschrift "Wenn ihr wüsstet…"