Das Einstern ist ein Wohnzimmer on the road, einer dieser Coffeeshops, die die Stadt überrollen wie künstlicher Rasen. Eine winzige Stube mit Parkett, Kronleuchter und Stuck. Bürgerlichkeit im Taschenformat. Die Barhocker haben halbe Sitzflächen und angeschrägte Beine, weil die Gäste nur kurz bleiben sollen. Am Fenster wiegt sich, Wange an Wange, ein Liebespaar, der verträumte Blick ist auf die Straßenbahnhaltestelle gerichtet. Dann verlässt das Paar den Coffeeshop, ich bin allein mit dem Mann an der Kaffeemaschine, die Normaluhr Ecke Prenzlauer Allee und Danziger zeigt halb drei.

Der Mann hat Schatten unter den Augen. Sein Teint ist bleich, sein Haar kurz und schwarz, er trägt ein Rollkragen-Shirt unter dem frisch gebügelten Hemd. Das Rot vom Holz ist schön, sage ich und weise auf die schmalen Wandbretter. Der Coffee-Mann lächelt überrascht: Die Farbe habe ich selber gemischt – ich habe mal Malerei studiert. Manchmal reicht die Zeit, die man für einen Milchkaffee braucht, um eine Existenz zu erahnen. Es war ein kalter Oktobertag vor fünf Jahren, als Riadh Mohamad in Deutschland ankam, Berlin, Bahnhof Lichtenberg. Der Taxifahrer fuhr ihn zu einem Bürogebäude, wo er Asyl beantragte: Die gaben mir ein Busticket nach Chemnitz. Sieben Monate blieb ich da, dann schaffte ich es doch nach Berlin, war meine Traumstadt. Ich arbeitete als Tellerwäscher in ein arabischen Imbiss. Da habe ich Kerstin kennen gelernt, sie kam mit ein Sanitätskasten, als ich mir in den Finger geschnitten hatte. Wir sind ausgegangen, sie hat sich in mich verliebt, habe ich sie geheiratet.

Vier Studenten in langen, weiten Hosen betreten das Einstern. Viermal das Angebot, Riadh! Caffe latte und ein Blaubeer-Muffin für 2,60 Euro. Mit krummen Rücken, die Gesichter zur Wand, hängen sie nebeneinander auf den halben Barhockern. Geile Galerie in Köln, sagt einer, supergute Performance, da waren so Tafeln: Ich schäme mich, dass ich meinen Hund getreten habe. Ich schäme mich, weil ich keine Arbeit habe. Krasse Idee. Riadh Mohamad zeigt mir Fotos von seinen Malereien. Starke Farben, reichlich Pathos, die Revolution und das Volk. Er hat seine Stammgäste fotografiert und ihre Porträts auf die Bonuskärtchen gedruckt, die auf dem Tresen liegen: Die Gäste lieben mich, und ich liebe sie auch; bei mir ist Oase. Vorhin war ein Mädchen hier, sie hatte Ärger mit ihrem Chef, wir haben ein bisschen geredet, war sie ein bisschen froher, als sie wegging.

Was ist für Sie wichtig, heute, in diesem Moment? Bagdad, sagt er, ich stelle mir vor, dass in Bagdad eine U-Bahn gebaut wird. Ich sehe die Stadt, die Palmen, aber alles von oben, wie wenn man mit dem Flugzeug hochfliegt. Mein Land ist ein schönes Land. Mesopotamien. Märchen aus Tausendundeiner Nacht. Herr Muhamad legt eine neue CD ein, Tangos von Astor Piazzola, er ist ein eifriger Tangotänzer. Ich warte auf gute Nachrichten, es kommen nur schlechte, sagt er, Blut und Chaos. Seine Eltern und seine Brüder leben in Bagdad. Kommen Sie nicht um vor Angst? An erster Stelle steht mein Land, an zweiter mein Volk, erklärt der Iraker würdevoll, dann erst kommt meine Familie, in Deutschland versteht man diese Reihenfolge nicht.

Jeden Morgen um Viertel vor sieben fährt Herr Muhamad mit dem Rad von zu Hause los und kauft unterwegs die Tageszeitung für das Einstern, die Schatten unter seinen Augen kommen vom Frühaufstehen. Um sieben öffnet er, bis abends um sieben. Zwölf Stunden Oase.