Also war es richtig, sie zu entlassen?

Auf alle Fälle. Es kann aber auch nicht sein, dass man, weil Leipzig ’ne Ost-, ’ne DDR-Stadt ist, alles wieder hochschaukelt. Das beschmutzt die Sache, auch fürs Ausland. Man soll ’n Schlussstrich ziehen.

Das klingt etwas widersprüchlich.

Die Gattin: So schwierig wie die Lage sind auch unsere Äußerungen.

Schlussstrich, das scheint die Generalparole: olle Kamelen, alles lange her. Kein Opferwort. Niemand differenziert. Dabei liegen doch die Stasi-Fälle sehr verschieden. In Leipzigs Olympia-Filiale Rostock wurde mit Harald Lochotzke, dem Präsidenten des Fördervereins, ein wirklicher Zuträger geschasst. Zur Entlassung von Dirk Thärichen, Manager der Leipziger Olympia GmbH, reichten der Wehrdienst im (dem MfS unterstellten) Elite-Wachregiment Feliks Dzierzynski und der Verdacht auf Gefälligkeitsgeschäfte. Man hört auch anderes munkeln: Hier sei der Sack statt des Esels geschlagen worden – statt Tiefensee. Der habe sich mit dem NOK angelegt, indem er gegen dessen Wunschmanager Mike de Vries opponierte. Dafür sei per Retourkutsche Thärichen bloßgestellt worden, worauf de Vries Tiefensees Mann beerbte. Ein Dickicht von Loyalitäten: Sorgsam geschieden sind die Fraktionen des deutschen Sports, gut gemischt ins politische Farbenspiel. Leipzig wird rot regiert, Sachsen schwarz, der Bund grün-rot, und in und über alledem laviert das NOK.

Ganz schräg traf die Stasi-Keule Jens Fuge alias "IM Lift". Den besuchen wir nun in seiner PR-Agentur Westend. Fuge, Volkstyp vom Jahrgang 63, ist hörbar aufgewachsen in den proletarischen Quartieren des Leipziger Westens. Leutzsch, Lindenau, Plagwitz, Großzschocher – wer dort herkam, war "Chemiker", besuchte also Chemie Leipzig, den Fußballverein für den staatsfernen Fan. Ende der siebziger Jahre bildeten sich in der DDR die ersten Fußball-Fanclubs, misstrauisch beäugt und schikaniert vom Regime. Den Anfang machten 1976 die Grünen Engel, sagt Fuge, das waren Wampen mit Kutte und Bart, völlige Antikommunisten, die brüllten von der Dammkrone: Ran an die roten Schweine! So sind wir nicht gewesen. Frech und prowestlich ja, Sex-Pistols-Fans, aber alles spielerisch, nichts mit Gewalt.

Fuge und Freunde gründeten den Fanclub West und fertigten ein Chemie-Fanzine, die Leutzscher Volkszeitung, Auflage 30 Stück, Matrizen-Druck. Das illegale Produkt fiel in die Hände der Stasi, die den Urheber fing und ihm ein Jahr Gefängnis garantierte – es sei denn, er informiere von Zeit zu Zeit ein wenig über das Fanclubwesen. Fuge zitterte vor dem Knast und unterschrieb am 19. Mai 1983 eine IM-Verpflichtung. Ich wusste, was ich tat, sagt er. Ich sagte zu dem Stasi-Typen: Jetzt hab ich ’n Pakt mit dem Teufel unterzeichnet. Da lachte der so schief.