E s ist der Geschmack von Bratwurst, der Lorenz Ebner jedes Mal beruhigt, und so ist es kein Wunder, dass er sich an jenem Nachmittag gleich zwei Stück davon gekauft hat. Eine am Markt bei einem der mobilen Händler und eine am Hauptbahnhof, kurz bevor er nach Hause fuhr. Es war der Tag, als Dirk Thärichen entlassen wurde und mit ihm ein großes Stück Deutsche Olympiahoffnung. Lorenz Ebner, Bratwurstliebhaber und Olympiafan, dachte damals zwischen zwei Wursthappen: Jetzt sind wir den Wessis zu mutig geworden. Jetzt machen sie uns alles kaputt. Die letzten Wochen waren ein Drama gewesen. Der mehrfache Olympiasieger Michael Groß hatte die Nachfolge als Geschäftsführer medienwirksam abgelehnt. Katharina Witt wollte nur bedingt mit der Olympiabewerbung in Verbindung gebracht werden, vielleicht, weil sie unsicher war, ob die Sache gut ausgehen würde. Dirk Thärichen, Geschäftsführer der Leipziger Olympia GmbH, wurden Vetternwirtschaft, Veruntreuung von Geldern vorgeworfen sowie die Fälschung seines Lebenslaufes.

Als 19-Jähriger hatte er seinen Wehrdienst beim berüchtigten Stasi-Wachregiment Feliks Dzierzynski geleistet, und er habe, so hieß es in der Presseerklärung der Olympia GmbH, zu diesem Wehrdienst irreführende Angaben gemacht.

Die Menschen wissen ja gar nicht, wie schön es hier ist

Die Tatsache, dass sich die Bewerbung plötzlich zur Vergangenheitsbewältigung auswuchs, füllte die Zeitungen, und der Olympiafan Lorenz Ebner hatte viele Artikel auszuschneiden. Weitere Unregelmäßigkeiten wurden bekannt. Dass der Olympiastaatssekretär Wolfram Köhler möglicherweise unrechtmäßig seiner Frau Geschäfte zuspielte, die dafür Provisionen einstrich. Köhler wurde vergangene Woche in den vorübergehenden Ruhestand versetzt. Plötzlich hing über der ganzen Leipzig-Bewerbung der Geruch von Stasi und Filz. Wörter wie Imageschaden und Gesichtsverlust tauchten auf, wo eigentlich eitel Sonnenschein herrschen sollte. Lorenz Ebner sammelte weiter jeden Zeitungsschnipsel, bis er einen dicken Ordner zusammenhatte. Ich habe schnell gemerkt, dass die Leute von draußen Leipzig falsch einschätzen.

Stasi-Sachen interessieren doch keinen mehr. Die wissen ja gar nicht, wie schön das hier ist. In den Zeitungsausschnitten steht größtenteils etwas wie: Leipzig ist am Ende, noch bevor es richtig losgeht. Die Sache Thärichen nimmt darin den meisten Platz ein.

Auf einer Bühne im Leipziger Hauptbahnhof steht der Oberbürgermeister Tiefensee und spricht zu seiner Gemeinde: Heute soll ein weiteres Kapitel aufgeschlagen werden. In der DB-Lounge wird jetzt das Logo zur Bewerbung präsentiert. Es ist eine bunte Flamme auf blauem Grund. Die Flamme, so behauptet es der Werbetext, steht symbolisch für die Kraft Leipzigs, sich wieder und wieder zu erneuern, mit Ehrgeiz und Ausdauer. Dabei ist es kennzeichnend für diese Stadt, dass sie keine expansive Ausdehnung über ihre Grenzen hinaus sucht, sondern in ihrem Kern wächst. Wer durch die Straßen Leipzigs geht und mit den Menschen spricht, der bekommt schnell das Gefühl, dass das nicht nur Marketing ist. Die Stadt steht fast geschlossen hinter der Bewerbung.

Christian Wolff, Pfarrer der berühmten Thomaskirche, macht einen friedlichen, freundschaftlichen Geist in dieser Stadt aus. Wolff stammt ursprünglich aus Düsseldorf und ist seit 1992 in Leipzig. Die Menschen hier sind so warm, das findet man nicht oft. Während des letzten Golfkrieges gab es in Leipzig 15 Demonstrationen - mehr als in jeder anderen Stadt. Und dann nahm natürlich die friedliche Revolution von 1989 hier ihren Anfang, sie ist das Herz der Leipziger Bewerbung. Sie macht die Bewerbung emotional, und mit den Bildern von damals kann man wunderbar spielen. Gerührte IOC-Mitglieder stimmen, so hofft man jedenfalls, eher für die kleine Stadt. Die Chancen sind gut. Vor allem, wenn das IOC tatsächlich nach, wie seine Mitglieder bei jeder Gelegenheit sagen, menschlicheren Spielen sucht. Es gibt trotz aller Differenzen immer einen starken Zusammenhalt, ein gemeinschaftliches Interesse am Ziel, sagt Pfarrer Wolff. Er ist ein geschäftstüchtiger Mann.