DIE ZEIT : Sie haben in der Zeitschrift PNAS gerade einen Artikel zum Thema "Emotionsinduzierte Amnesie" veröffentlicht. Was hat das Gedächtnis mit Emotionen zu tun?

René Hurlemann : Emotionen können einen starken Einfluss auf das Erinnerungsvermögen haben. Schon länger wissen wir zum Beispiel, dass emotional besetzte Wörter deutlich besser erinnert werden als neutrale Begriffe. Wir konnten nun nachweisen, dass Emotionen offensichtlich auch in der Lage sind, die Speicherung vorangegangener Informationen zu beeinträchtigen.

ZEIT : Wie haben Sie das gezeigt?

Hurlemann : Unsere Probanden bekamen der Reihe nach 15 Wörter vorgelegt. Unter diesen stach jeweils eines heraus, das "emotional aversiv" war, schockierende Begriffe wie zum Beispiel "Massaker" oder "Leichenschauhaus". Diese hatten zudem ein anderes Schriftbild. Interessant war nun, dass neutrale Wörter, die direkt vorher genannt wurden, hinterher im Gedächtnis der Versuchspersonen fast gar nicht mehr präsent waren. Fiel zum Beispiel das Wort "Versammlung" vor "Massaker", konnten sich die Probanden daran kaum mehr erinnern. Dieser Effekt ist bei Frauen übrigens deutlich stärker ausgeprägt.

ZEIT : Starke Emotionen beeinträchtigen also das Gedächtnis – und Frauen sind unter solchen Umständen schlechtere Zeugen als Männer?

Hurlemann : Das könnte man so sagen. Aber es wirft natürlich ganz allgemein ein neues Licht auf Zeugenaussagen.

ZEIT : Welche Ursache hat dieser emotionale Blackout?