Blaue Blumen am Wegrand? Keine Spur davon in der Halbwüste von Chihuahua. Alles, was entlang der Carretera 16 im größten Bundesstaat Mexikos ins Auge fällt, ist eine Landschaft von grausamer Schönheit. Endlose Steppen dörren im Sonnenglast, Kakteen recken ihre Kandelaberarme, vereinzelte Tierskelette säumen das sture Geradeaus der Straße. Und das Tiefblau des Himmels, so empfand es der Schriftsteller William S. Burroughs, hat "jene besondere Tönung, die so gut passt zu kreisenden Geiern, Blut und Sand". Ein Land wie eine Filmkulisse. Typen wie Clint Eastwood kommen in den Sinn. Franco Nero oder Charles Bronson. Aber Heinz Georg Kramm alias Heino? Der deutsche Schnulzenbarde? Niemals. Doch genau der schallt plötzlich aus dem Autoradio. Singt vom Alpenglühen und von unvergesslichen Lippen und vom blau blühenden Enzian. Mitten in der Prärie von Chihuahua. Dort, wo nichts blühen will. Und schon gar kein Enzian.

Am Steuer des Wagens sitzt Abram Peters. Der ältere Herr trägt einen strengen Seitenscheitel und eine indigoblaue Latzhose. Über sein Gesicht huscht ein verlegenes Lächeln, als er das Radio leiser stellt. "Das ist das Programm für unsere Leute. Neuigkeiten und schöne Lieder. Wir lieben sehr, es zu horchen", erklärt der Farmer in einem kehligen, rätselhaften Deutsch. Wir – das sind rund 35000 deutschstämmige Mennoniten, die in der nordmexikanischen Wüste leben. Sie haben ihre eigene Sprache, ihr eigenes Paradies und ihre eigene Hölle. Sie heißen Friessen und Klassen, Froese und Martens, und die Männer versinken in riesigen blauen Latzhosen, in denen sie ein wenig wie große Kinder wirken. Ihre Frauen und Töchter indessen sehen aus wie von Pieter Breughel gemalt: Sie gehen in düster wallenden Kleidern, ihre Schürzenschleifen sind im Rücken wie mit einer Wasserwaage gerichtet, und ihre Zöpfe verstecken sie unter biederen Häubchen.

"Die Weiber sollen durch Taten schön sein, nicht durch Schmuckwerk", sagt Abram Peters’ Frau Katharina. Sie sitzt in ihrem Gehöft in Neuendorf, einer Mennoniten-Siedlung nahe der Provinzmetropole Cuauhtémoc. Draußen walten der Staub, die grelle Sonne und die rasiermesserscharfen Schattenrisse. Im Haus der Familie Peters ist alles still und rein und mild. Durch die Vorhänge fällt ein Lichtstrahl auf den Dielenboden der "Spazierstube". So heißt der Raum, in den sich die Mennoniten zum Plaudern zurückziehen. Denn "spazieren" bedeutet in ihrer Sprache auch "sich unterhalten". Wenn man es genau nimmt. Tatsächlich aber steht "spazieren" für alles, was nicht Arbeit ist oder der Schlaf des Gerechten. Und das ist nicht viel. "Man muss in Demut leben, sonst ist’s nicht recht", sagt Katharina Peters, während sie ihre Hornbrille mit einem Schürzenende poliert, und fügt leise hinzu: "Darum möchte ich auch kein Radio horchen. Ich bin nicht neugierig auf die Welt."

Mit der Welt hatten die Mennoniten seit je ihre Schwierigkeiten. Ihre Geschichte ist darum eine Geschichte der Flucht. Begonnen hat sie im 16. Jahrhundert, als der friesische Priester Menno Simons die Ausschweifungen des Katholizismus nicht mehr ertrug. 1536 stellte er sich an die Spitze der niederländischen Täufer. Für ihn und seine Mitstreiter war fortan das Neue Testament die einzige Autorität. Sie entrichteten keine Steuern, schworen keinen Eid, leisteten keinen Kriegsdienst. Dafür wurden Mennos Gefolgsleute erst gefoltert und verbrannt, später schikaniert und von ihren Höfen gejagt. Manche arrangierten sich, andere zwang ihre Prinzipientreue zum Exodus. So flohen die Anabaptisten aus Friesland über verschiedene deutsche Kleinstaaten in die Ukraine, bevor 1870 die nächsten Trecks in Kanada landeten. Aber auch dort ließ man die Eigenbrötler nicht lange in Ruhe: Als die Obrigkeit Ende des Ersten Weltkriegs in den selbstständigen Mennoniten-Schulen den Englisch-Unterricht durchsetzte, machten sich die Gottesfürchtigsten unter ihnen wieder auf den Weg – nach Mexiko.

Jedes anständige Paar bringt acht bis zwölf Kinder zur Welt

Im Frühjahr 1922 kletterten 7000 fromme Pioniere im Wüstenkaff San Antonio de los Arenales aus ihren Eisenbahnwaggons. Im Gepäck hatten sie Saatgut, Vieh, Hausrat und einen Freibrief des mexikanischen Präsidenten Alvaro Obregón. In ihm garantierte er den Mennoniten ein Leben nach ihrer Fasson. Und die nutzten ihre Chance: In nur wenigen Jahrzehnten verfünffachte sich ihre Zahl, verwandelte sich die elende Wildweststation in das prosperierende Cuauhtémoc. Gut 100000 Menschen leben heute hier – nahezu ausnahmslos Mexikaner. Ihre deutschen Gründer schauen nur zum Einkaufen vorbei. Sie wohnen in sechs Kolonien mit insgesamt 144 Gemeinden im Nordwesten der Cowboystadt. Einen Dorfkern sucht man in ihren Siedlungen vergebens. Schmucklos und mörtelgrau ruhen die Höfe auf großzügigen Parzellen. Allein die knallweiß gestrichenen Fensterrahmen stechen ins Auge. Dafür klingen die Namen heimelig: Grünthal und Hoffnungsfeld, Friedensruh, Rosenbach und Schönland heißen die Verbände. Mit der Kultur ihrer dunkelhäutigen Nachbarn verbindet die hoch gewachsenen blonden Bewohner wenig. Ein Bekannter habe vor Jahren ein Mestizenmädchen geheiratet, erzählt Abram Peters, und seine Miene verfinstert sich, als berichte er vom Untergang der Welt. "Sie wollte nicht zu ihm passen. So ist er nicht mehr froh geworden sein ganzes Leben."

Ein Austausch zwischen Mennoniten und Mexikanern scheitert bereits an der Verständigung. Gerade die Hälfte der mennonitischen Männer spricht Spanisch, von ihren Frauen fast niemand. Aber auch wer die Weltflüchtigen auf Hochdeutsch anspricht, erntet selten mehr als ein scheues Lächeln. Ihre Sprache ist ein drolliges Plattdeutsch, das zwischen dem 16. und 17.Jahrhundert in West- und Ostpreußen entstand und seitdem unverändert geblieben ist. In dem fossilen Klanggebilde haben sich die Etappen der Wanderschaft hörbar eingelagert: Bei den einen klingt die Aussprache holländisch, bei anderen ostpreußisch, wiederum andere rollen das R im Gaumen wie die Angelsachsen.