Der Mut des SPD-Nachwuchses reichte gerade für vier Wochen. Ende September hatte sich eine Gruppe junger Abgeordneter aus Bundestag und Länderparlamenten in die Eifel zurückgezogen. Ein Entwurf für das neue sozialdemoratische Grundsatzprogramm sollte da entstehen, eine Art Positionspapier für die SPD 2010. "Wir wollen klarmachen, dass wir die programmatische Zukunft wesentlich mitbestimmen", sagte Christoph Matschie, Staatssekretär im Bundesforschungsministerium. Er ist einer derjenigen, die das Papier am Freitag dieser Woche in Berlin präsentieren werden. Doch kaum war das erste inhaltliche Detail durchgesickert, kaum meldeten die Zeitungen, der SPD-Nachwuchs fordere Studiengebühren, und kaum hatte Matschies Chefin Edelgard Bulmahn erklärt, eine solche Debatte komme "zur Unzeit", zog er den Kopf ein. Prompt distanzierte sich Matschie von dem Programm, dessen Bildungskapitel er maßgeblich formuliert hat.

Das also ist die "neue SPD". Jedenfalls lautet so der Titel des 44-seitigen Papiers der jungen Sozialdemokraten. Eigentlich sollte es den Vorwurf widerlegen, der Nachwuchs sei inhaltsleer, opportunistisch und vor allem karriereorientiert. Doch gleich bei der ersten Gelegenheit verzichtete die Jugend schon wieder darauf, für ihre Ideen zu kämpfen. Will sie so ihr Profil schärfen und jene Härte gewinnen, die für politische Führungspositionen nötig ist?

Aber es ist ja auch nicht einfach für junge Sozialdemokraten unter Gerhard Schröder. Das übliche Ritual der Rebellion funktioniert nicht mehr. Seit der einstige Juso-Vorsitzende die Regierung führt, macht er in vielen Punkten das Gegenteil dessen, was im immer noch gültigen SPD-Programm steht. Man könnte von links gegen den Kanzler opponieren und wäre dann ziemlich nah an den bisherigen Grundsätzen der Partei. Diesen Weg hat etwa Andrea Nahles eingeschlagen und sich damit sogar Schröders Respekt erkämpft. Nach einem besonders heftigen Streit Ende September trafen sich die beiden zu einer Art Abrüstungsgespräch und reden seitdem nur noch gut übereinander.

Man könnte den Kanzler auch rechts überholen – aber das kann im Moment kaum jemand verantworten, der den Zusammenhalt der wund regierten Partei nicht gefährden will.

Ein dritter Weg ist schließlich, sich als gemäßigter Reformer der SPD-Programmatik zu versuchen, womit man unweigerlich auf Regierungslinie liegt. In einigen Punkten freilich könnte man Dinge fordern, für die dem Kanzler (noch) der Mut fehlt. Genau dies tut das Netzwerk Berlin, eine Gruppe junger Bundestagsabgeordneter – jene, die weder mit der Parlamentarischen Linken etwas anfangen konnten noch mit dem rechten Seeheimer Kreis. Auch Matschie gehört zu ihnen. Inzwischen ist das Netzwerk auf rund 40 Abgeordnete gewachsen, sie haben eine Zeitschrift gegründet und eine Kneipe. Sie sind derzeit die Einzigen in der SPD, die mit Verve die gegenwärtige Regierungspolitik verteidigen – wahrscheinlich sogar aus Überzeugung. Doch lässt sich eine solche Position von Opportunismus nur schwer unterscheiden. Und das Pathos, das zu richtigen SPD-Richtungskämpfen gehört, klingt in dieser Konstellation auch heuchlerisch.

So oder so wird der Nachwuchs in zwei Wochen auf dem Parteitag in Bochum in die SPD-Spitze aufrücken. Das wird auch höchste Zeit. Derzeit sind zehn der dreizehn Mitglieder des Präsidiums während des Krieges geboren oder kurz danach geboren. Fast alle Bundesminister könnten bereits in der AG 60plus mitmachen. Auch in der Programmkommission sitzen viele verdiente Veteranen, Leute, "die schon die letzten drei Grundsatzprogramme geschrieben haben", wie ein Jüngerer spottet. Die 68er sind alt geworden, haben es aber nicht gemerkt. Kein Wunder, dass es in der Partei keine strategische Nachwuchsförderung gibt.

In Bochum will Ute Vogt, 39 Jahre alt und Netzwerkerin, eine von fünf stellvertretenden Parteivorsitzenden werden. Christoph Matschie, 42, und Sigmar Gabriel, 43, wollen ins Parteipräsidium aufrücken. Auch Andrea Nahles soll einen Platz bekommen. Ähnlich sieht es auf Landesebene aus: Im Saarland hat Heiko Maas, 38, gerade Oskar Lafontaine ganz sanft, aber endgültig beiseite geschoben. In Mecklenburg-Vorpommern wurde jüngst Till Backhaus, 44, an die Parteispitze gewählt. In Hessen führt Jürgen Walter, 33, die Landtagsfraktion.