Im Hintergrund läuft ein Radio. Zwischen den Musiktiteln diskutieren Hörer über die dümmsten Werbesprüche des Jahres. Doch der Mann auf dem Operationstisch hat jetzt kein Ohr für die Geräusche, obwohl er nur örtlich betäubt und sonst bei vollem Bewusstsein ist. Die Anspannung ist ihm anzusehen, ein Tuch auf Brusthöhe verstellt ihm den Blick nach unten, wo der Assistenzarzt jetzt mit einer roten Tinktur seinen Schambereich desinfiziert. Die Schwester ordnet das OP-Besteck, dann schiebt Wolfgang Schulze den Mundschutz nach oben: "Fangen wir an." Die Uhr des OP-Saales II der Eppendorfer Hautklinik zeigt 7.42 Uhr. In sechs Stunden wird der Mann auf dem OP-Tisch wissen, ob er in seinem Leben noch eine Chance hat, Vater zu werden.

"Fifty-fifty" stünden die Erfolgsaussichten, hatte Schulze im Vorgespräch seinem Patienten erklärt, einem kräftigen 32-jährigen Mann aus einer Kleinstadt in Sachsen-Anhalt. Wie alle Patienten, denen an diesem Vormittag ein winziger Teil ihres Hodens entnommen wird, leidet er unter einer besonders schweren Form der Unfruchtbarkeit: Azoospermie. In seinem Ejakulat findet sich keine einzige Samenzelle. Vor wenigen Jahren noch hätte er sich mit der Kinderlosigkeit abfinden müssen. Mindestens drei Millionen männlicher Keimlinge braucht es für eine Zeugung auf natürlichem Weg. Bei einer künstlichen Befruchtung aber reicht heute theoretisch ein einziger Samenfaden für den Nachwuchs – wenn denn ein Spermium oder zumindest eine Vorläuferzelle im Hoden selbst gefunden wird.

Wolfgang Schulze gehört zu den erfahrensten Suchern und Forschern auf diesem Gebiet. Der Leiter der Andrologie des Hamburger Universitätskrankenhauses hat sein akademisches Leben den männlichen Keimzellen verschrieben. Ob auf dem Bildschirm seines Computers, im Faxgerät oder auf Schulzes Schreibtisch: Überall sieht man Hodengewebe in vielen Formen und Vergrößerungen. Selbst den Flur zieren Bilder mit Spermafäden in Öl, Werke seines Vorgängers und akademischen Ziehvaters Adolf-Friedrich Holstein (Spitzname unter Studenten "Hodenholli"). Und im Tonfall des geborenen Hamburgers sagt Schulze: "Ich kann mir keine Gesichter merken, aber an die Bilder eines Hodenschnitts erinnere ich mich noch nach Jahren."

Seit mehr als 20 Jahren untersucht Schulze die Genese von Samenzellen und deren Störungen. In Tausenden Spermiogrammen hat er ihre Zahl, Gestalt und Beweglichkeit beurteilt. In der ersten umfassenden Studie erforscht er jetzt, wie es um ihre Qualität und damit um die Zeugungskraft deutscher Männer bestellt ist. Und wenn nötig, spürt er den Samenzellen bis ins letzte Hodenkanälchen nach.

Die Spermiensuche direkt im Hoden, von Schulze Mitte der neunziger Jahre mitentwickelt, hat den Wissenschaftler über Hamburg hinaus bekannt gemacht. Selbst aus Wladiwostok reisen die Patienten deshalb in die Hansestadt. Heute sind es drei Männer, denen der Androloge mit Klammer, Schere und Skalpell ermöglichen will, sich doch noch fortzupflanzen. Dafür schneidet er aus beiden Hoden je drei reiskorngroße Stückchen heraus und deponiert sie mit einem Holzstäbchen vorsichtig in kleinen Röhrchen. In der ersten Gewebeprobe wird er später nach vereinzelten Spermien suchen. Die zweite wird für die pathologische Untersuchung aufbewahrt. Das dritte Hodenstück schließlich lässt er einfrieren für eine etwaige künstliche Befruchtung im Labor.

Der zweite Patient an diesem Tag, ein Türke aus den Niederlanden, hat sich ein spezielles Behältnis gleich mitgebracht. Sollte Schulze Anzeichen auf Spermien finden, wird er damit die in flüssigem Stickstoff erstarrte Gewebeprobe in eine holländische Fertilitätsklinik transportieren. Fortpflanzungsmediziner werden dort die Spermien unterm Mikroskop in die Eizelle seiner Frau injizieren.

Samenfahndung mit dem Elektronenmikroskop

Intra-Cytoplasmatische Spermien-Injektion heißt die Methode, kurz ICSI genannt. Als belgische Fortpflanzungsmediziner mit dem Verfahren 1992 erstmals bis dahin unfruchtbare Paare zu Eltern machten, gehörte Wolfgang Schulze zu den Skeptikern des Verfahrens. Kann es sein, fragte er, dass man eine Eizelle einfach anstechen kann, um ein Spermium hineinzudrücken, ohne den Embryo zu beschädigen? Welche negativen Folgen hat es für die genetische Ausstattung des Kindes, wenn – wie bei der spontanen Zeugung – nicht die fitteste Keimzelle die Befruchtung schafft, sondern ein Spermium, das sozusagen zum Jagen getragen werden musste?