Brahms zum Beispiel wedelt er ein bisschen weg, mit der rechten Hand, zumindest die erste und zweite Sinfonie, gesprächsweise. "Technisch gesehen ist das kein Problem, das kann man immer machen", sagt Mariss Jansons, der neue Chefdirigent von Symphonieorchester und Chor des Bayerischen Rundfunks. Es ist aber nicht Hochmut, was da durchschimmert, sondern Erfahrung, Wissen und die Weisheit des Älteren, öfter als Witz getarnt. Sein Repertoire ist immens, und es sind viele Schlüsseldeutungen darunter, man höre nur Tschaikowsky, Mahler oder Schostakowitsch unter Jansons. Kein großes Orchester der Welt, das der sechzigjährige Lette nicht dirigiert hätte, angefangen bei den Big Five in Amerika über die Londoner, Philharmonic und Philharmonia, bis hin zu den Wiener und Berliner Philharmonikern. In Oslo begann er vor zwanzig Jahren, aus einem allenfalls im internationalen Mittelfeld angesiedelten Ensemble ein Spitzenorchester zu formen. Behutsam und fordernd gleichzeitig.

Wie das in eins geht, macht Jansons auf der Probe vor, wenn er während des dritten Satzes von Hector Berlioz’ Symphonie fantastique die Stufen des Zuschauerraumes im Münchner Gasteig hochhastet, um von oben selbst zwischen Taschentuchstirntupfern zu überprüfen, ob es klingt, wenn die Hirten sich mit den Schalmeien etwas zurufen; die Oboe steht außerhalb des Konzertsaales, das Englischhorn sitzt auf dem Podium. "Die hören sich nicht", sagt Jansons, der jetzt wieder zurück ist. Das ist keine akustische Malaise, sondern die Unbedingtheit dieser Szene. "Da kommt nichts, verstehen Sie?", sagt Jansons – und vollführt eine Pantomime mit todtraurigem Gesicht. Leises Nicken rundum. "Darf ich das dann so haben, bitte?", fragt Jansons. Und da ist er auch schon, der ferne Klang, so verzweifelt und so sehnsüchtig wie nur irgend denkbar.

"Die Noten können sie alle", sagt Jansons, "aber die Noten sind nicht so wichtig." Das ist ein Satz, der auch von Leonard Bernstein stammen könnte. Es gibt einige Parallelen zwischen den beiden, etwa die rückhaltlose Hingabe an die Musik, aber auch die Liebe zu ausverkauften Sälen. In Pittsburgh, wo seine Zeit als Chefdirigent 2004 zu Ende geht, weil er auch noch das Concertgebouw Orchester in Amsterdam übernimmt, war er enttäuscht, dass der Stellenwert des Orchesters in der Stadt nicht dem des Baseballteams entsprach. Es tat ihm weh, wenn Schönbergs Gurrelieder die Leute kaum erreichten: so tolle Musik. Nicht zufällig beginnt Jansons in München seine Amtszeit mit Brittens The Young Person’s Guide to the Orchestra . Er gibt dem Stück schon in der Generalprobe vor über 2000 Münchner Schulkindern alles mit, was sein leise vibrierender Körper geben kann. Diese Probe, sagt Jansons, sei so bedeutend wie das festliche Eröffnungskonzert. "Hier sitzen die, die für uns wirklich wichtig sind. Wenn erst mal zwanzig wiederkommen, haben wir schon gewonnen." Illusionen macht sich Jansons freilich nicht. Visionen hat er sehr wohl noch, denn in einem Punkt bleibt er unerschütterlicher Parteigänger: Die Musik, heißt sein Credo, hat immer Recht.

Wenn sie gut ist, gut gespielt vor allem, fordert sie zur Stellungnahme heraus. "Immer, wenn man nicht mehr weiter weiß", ruft Jansons in der Probe für den Berlioz, "kommt Mezzoforte." Das mag er nicht, zumal das Stück vor haarfeinem Pianissimo und dick geschichtetem Forte nur so strotzt. Schwierigen Anforderungen ist Mariss Jansons nie aus dem Weg gegangen. Es war schwer, aus dem Schatten des ebenfalls dirigierenden Vaters Arvid zu treten, und es war nicht einfach, sich künstlerisch von dem großen Jewgenij Mawrinskij bei den Leningrader Philharmonikern zu lösen.

Mariss Jansons war dort Assistent. Oslo wird zum Ort, an dem er zu sich selbst kommt und kultiviert, was ihn immer noch auszeichnet. Er kann Orchester richtig temperieren, ohne sie auf Bedingungen herunter (oder herauf) zu bringen, in denen künstlerisch nichts Vitales mehr entsteht. Wärme ist eine seiner Lieblingsvokabeln. Jansons will eine dem Kollektiv und von dessen Geist gemäße Klangsprache. Dem Zuhörer – Jansons redet erfreulich oft vom Publikum und dessen Erwartungen – soll sich der Horizont (wenn nicht gar der Himmel) öffnen durch die Macht der Musik. Die Hälfte des Jahres verbringt Jansons mit dem Dirigieren, heute hier, morgen dort. 26 Wochen. Den Rest der Zeit verbringt er in Sankt Petersburg, wo sein Zuhause ist, oder in der Schweiz. Nachdenkend und vorausschauend kreist Jansons die Werke ein, auf biografischen Umwegen oder direkt ins Zentrum der Partituren eindringend.

Kürzlich hat das Fernsehen ihn gebraucht, als Komparse in einem Film über ihn selbst. Vorsichtig fragte man seine Frau, ob sie mit ihrem Mann vielleicht ein wenig dekorativ spazieren gehen könne. Ihre Antwort kam prompt: "Wir gehen nie spazieren. Mein Mann hat zu arbeiten."