Der reichste Mann Russlands ist dem Staat eine Schüssel Perlgraupenbrei zum Abendessen wert. Dazu gibt es Tee und Brot für den achtfachen Milliardär Michail Chodorkowskij. Seit vergangener Woche sitzt er im Spezialtrakt des Moskauer Untersuchungsgefängnisses "Matrosenruhe" ein. Weil die Viermannzelle nur Pritschen, Dusche und Toilette bietet, schlug der stellvertretende Justizminister dem Geschäftsmann einen Deal vor. Er ließ einen Fernseher und Kühlschrank unter der Bedingung in die Zelle bringen, dass die Geräte später im Gefängnis bleiben. Wie im Jahr 2000 beim Medienherrscher Wladimir Gussinskij, der in diesem Gefängnis drei Tage verbrachte, bevor er ins Exil ging.

Die Verhaftung des Ölmagnaten Chodorkowskij, bis Wochenbeginn Chef des Konzerns Yukos, könnte als ein Wendepunkt in Russlands postsowjetische Geschichte eingehen. Die Drangsalierung eines der bedeutenden Wirtschaftsbosse und der Rücktritt des Chefs der Präsidentenverwaltung symbolisieren eine gewonnene Großschlacht der autoritären Fraktion gegen die Liberalen. In dem Machtkampf geht es um Öl, Oligarchen und die uneingeschränkte Kontrolle über das weite Land.

Auf dem Flughafen von Nowosibirsk, fünf Zeitzonen östlich von Moskau, soll am frühen Morgen des 25. Oktober die von Chodorkowskij gecharterte Tupolew-134 aufgetankt werden. Der Chef der viertgrößten Ölfirma der Welt, YukosSibneft, möchte nach Irkutsk weiterfliegen, um am Seminar "Macht, Business, Gesellschaft" teilzunehmen. Doch um fünf Uhr früh blockieren zwei Autobusse mit getönten Scheiben das Flugzeug. Bewaffnete Männer der Spezialeinheit Alfa stürmen die Gangway empor, brechen die Tür zum ersten Salon auf und schreien: "Geheimdienst! Hände hoch! Dokumentenkontrolle! Nicht bewegen, wir schießen!" Die Verhaftung wie aus einem BMovie soll Chodorkowskij als Verbrecher abstempeln. "Gut, gehen wir", sagt er zu den martialischen Kämpfern.

Der Präsident als Ringrichter beim politischen Boxkampf

Zwei Tage zuvor, am 23. Oktober, hatten Staatsanwälte im Moskauer Yukos-Hauptquartier Chodorkowskij eine Vorladung für den 24. Oktober zur "Befragung als Zeuge" hinterlegt. Der Konzernchef war nicht da, und sein Bevollmächtigter teilte den Staatsanwälten schriftlich mit, Chodorkowskij komme erst vier Tage später von seiner Dienstreise zurück. Nun hatten die Staatsanwälte endlich einen Anlass, ihn zu greifen. Chodorkowskij wird von Nowosibirsk nach Moskau überstellt und während der Vernehmung mit sieben Anschuldigungen wegen Steuerhinterziehung und Betrugs in Zusammenhang mit der Privatisierung der Düngemittelfirma Apatit im Jahr 1994 konfrontiert. Den Gesamtschaden beziffert die Staatsanwaltschaft auf eine Milliarde Dollar und schafft den Verhafteten durch den Hinterausgang ins Gerichtsgebäude. Das tagt wie zu besten sowjetischen Zeiten unter Ausschluss der Öffentlichkeit, als gehe es um Staatsgeheimnisse, und ordnet eine Untersuchungshaft bis zum 31. Dezember an.

Die Börse erleidet ihren dramatischsten Kurseinbruch seit der Finanzkrise von 1998. Yukos-Aktien fallen um 20 Prozent. Beim Unternehmerverband rufen aufgeregte Landwirte an, deren regionale Verwaltung mit dem Verweis auf den Fall Chodorkowskij beginnt, Land zu enteignen. Nur Tage zuvor hob die internationale Rating-Agentur Moody’s die Bonitätsbewertung Russlands um zwei Stufen auf "investment grade" an. Gerüchte über einen möglichen Einstieg des amerikanischen Ölkonzerns ExxonMobil bei Yukos elektrisierten die Finanzwelt. Nun erstirbt die Euphorie der Geldanleger vorerst in Wladimir Putins größter Vertrauenskrise, die Moskaus politische Welt erschüttert.

Zwölf Jahre nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion hat sich dort ein System festgesetzt, in dem Clans bei Intrigenkämpfen ihre Interessen ausbalancieren. Der Präsident gibt sich als Ringrichter in einem machtpolitischen Boxkampf, bei dem die Tiefschläge fern aller Zuschaueraugen in der Kabine gesetzt werden. Für die politische Elite ist das größte Ärgernis, dass das Volk alle vier Jahre zur Wahl kommt. Damit diese Einmischung nicht zu sehr stört, ist der russische Dreisprung der so genannten Verwaltungsressourcen in vielen Regionen des Landes zur Meisterschaft geführt worden: Manipulieren – Behindern – Fälschen.

Im Kreml kämpfen zwei Clans miteinander, zwischen denen das Häuflein der Petersburger Wirtschaftsliberalen zu überleben versucht: Auf der einen Seite behaupten die letzten alteingesessenen Jelzinisten ihre Ledersessel. Sie wurden unter der Regentschaft von Boris Jelzin in Symbiose mit den Oligarchen groß, die auf dubiose Weise binnen weniger Jahre Wirtschaftsimperien zusammenkauften. Auf der anderen Seite stehen die Vertreter der Geheimdienste und des Militärs. Sie sind an den Rockzipfeln des früheren KGB-Offiziers Putin in den Kreml eingezogen und anscheinend so erstarkt, dass sie ihn nun in ihre Richtung zerren – rückwärts.