DIE ZEIT: Herr Professor Li, Ihre Bilder zeigen die Schrecken der Kulturrevolution. Wie reagieren die Menschen in China auf diese Bilder? Wollen sie Rache?

Li Zhensheng: Die meisten Chinesen haben die grausamen Szenen aus der damaligen Zeit noch nie gesehen, selbst wenn sie die Kulturrevolution persönlich erlebt haben. Die Kulturrevolution war eine Katastrophe. Aber es geht hier nicht um Anklage oder Rache, nicht darum, Schuldige zu suchen. Wichtig ist, dass die Bevölkerung sich besinnt und Selbstkritik übt. Man weiß doch, wer alles an der Kulturrevolution schuldig war. Soll man den Mann aus seinem Kristallsarg herausnehmen und verklagen?

ZEIT:Mao Tse-tung ist tot, aber viele der Schuldigen leben noch.

Li: Die Deutschen haben uns den Weg gezeigt. Das deutsche Volk hat sich vor der Welt entschuldigt und versprochen, die Fehler der Vergangenheit nicht zu wiederholen. Dass sich ein Bundeskanzler niederkniete, war bewundernswert. Die Geschichte muss der Bote der Zukunft sein ist der Titel meines Buches in der chinesischen Ausgabe.

ZEIT: In China wird Mao aber auch heute noch hoch geschätzt, oder?

Li: Ich sehe keinen Sinn, den Hass auf Mao zu projizieren. Es gab in der Kulturrevolution – wie im Zweiten Weltkrieg – eine hohe Machtkonzentration. Dieses Bild ist doch für Nazideutschland wie auch für die Kulturrevolution typisch: Wenn Hitler vor den Massen eine Rede hielt oder Mao vom Tor des Himmlischen Friedens aus den Roten Garden mit der Hand zuwinkte, folgten alle in wahnsinniger Hysterie. Solche Hysterie muss in Zukunft vermieden werden. Jeder Mensch sollte in der Lage sein, die Vernunft zu bewahren und selber zur urteilen, ob etwas richtig oder falsch ist.

ZEIT: Wie groß ist die Gefahr, dass sich heute in China eine Massenhysterie ausbreitet?