Li Zhensheng muss ein sympathischer Mann sein. Heute 63 Jahre alt, lebt er in Peking und New York, und man ist froh, dass er die so genannte Kulturrevolution der Jahre 1966 bis 1976 gut überstanden hat. Zahlreiche Fotos in diesem Band, mit dem Selbstauslöser gemacht, zeigen ihn seit Studententagen als einen Schwung und Gewitztheit ausstrahlenden Fotoreporter. Die autobiografischen Zwischenkapitel, die Jacques Menasche, ein amerikanischer Journalist, aus langen Gesprächen destilliert hat, nehmen für Lis Bescheidenheit und Beobachtungsgabe ein. Vor allem ist Li Zhensheng ein vorzüglicher Fotograf, zwar keiner der ganz großen Meister der Schwarzweißkamera, aber doch jemand mit einem Blick für den rechten Moment, die passende Perspektive und für die Absurdität dessen, was ihm vor die Linse gerät.

In mehr als 30000 Aufnahmen hat Li Zhensheng die Kulturrevolution in der nordmandschurischen Provinz Heilongjiang dokumentiert. Die Negative, von denen viele jahrelang unter einem Fußboden versteckt waren, liegen inzwischen bei einer Agentur in New York. Li und seine Berater haben 1988 einige der Bilder auf einer Fotoausstellung in Peking gezeigt, dann über dreihundert Motive ausgewählt, mit sorgfältig formulierten Legenden versehen und in einem Bildband veröffentlicht, der nun auf Deutsch erscheint. Ein Kommentar ordnet das Gezeigte in die Geschichte ein; der große China-Kenner Jonathan Spence steuert eine überraschend oberflächliche Einleitung bei, die auf eine Deutung des Geschehens verzichtet. Aufgemacht ist das Buch im knallroten Plastikcover der einst milliardenfach verbreiteten Worte des Vorsitzenden Mao. Ein großes rotes Buch also, das die fatalen Folgen des kleinen roten in Erinnerung ruft.

Wie sensationell ist das hier gezeigte Material? Die Antwort hängt von den Erwartungen ab. Wer wenig von der Kulturrevolution weiß, dürfte mit Bestürzung reagieren. Die "große proletarische" Kulturrevolution war eine Revolution gegen die Kultur. In der früheren zaristischen Kolonialstadt Harbin im Nordosten Chinas, wo Li Zhensheng sie fotografierte, begann sie im August 1966, als ein jugendlicher Mob die russisch-orthodoxe Holzkirche des Heiligen Nikolaus niederriss und einen buddhistischen Tempel zerstörte. Übrig blieben gedemütigte Mönche, entweihte Statuen, die Asche heiliger Schriften. Ein Jahr später reduzierte sich die Bibliothek des Bauinstituts auf einen Haufen von Taschenbüchern; die gebundenen Bände waren als Wurfgeschosse im Kampf der Rote-Garde-Banden gegeneinander verwendet worden.

Die Kulturrevolution bediente sich der erprobten Methoden des "Klassenkampfes": "Klassenfeinde" und angebliche Missetäter wurden vor eine Volksversammlung gezerrt, beschimpft, mit echten oder falschen Zeugen ihrer Vergehen konfrontiert und in Demutshaltungen gezwungen. Li Zhensheng fotografierte solche "Kampfversammlungen" gegen zerlumpt aussehende "reiche Bauern" bereits Anfang 1965, vor dem Beginn der Kulturrevolution. Nachdem Mao seine jugendlichen Anhänger entfesselt hatte, wurden die Beschämungs- und Strafrituale noch bizarrer. Den Beschuldigten, oft hohen Parteikadern und "bürgerlichen" Intellektuellen, wurden Schilder mit der Bezeichnung ihrer angeblichen Vergehen umgehängt und spitze Eselshüte aufgesetzt. Tinte, die ihnen übers Gesicht lief, mochte auch etwas anderes sein: "Ich verwendete einen Schwarzweißfilm", erinnert sich Li, "weshalb ich im Nachhinein nicht mehr zwischen Blut, Tränen und Tinte unterscheiden konnte." Eine Bildersequenz zeigt, wie dem Provinzgouverneur Li Fanwu die Haare geschoren und ausgerissen werden, eine andere, wie man dem Sohn des einstigen Ersten Parteisekretärs von Heilongjiang einen Handschuh in den Mund würgt, als er sich rechtfertigen will.

Neben fast stereotypen Versammlungsszenen sieht man Täter- und Mitläufermassen: gereckte Fäuste, gegen den "Revisionismus" geschwungene Rote Bücher, schwimmende Fans des Schwimmers Mao oder das enthusiastische Publikum eines fünfjährigen "Wunderkindes", das auf einen "Loyalitätstanz" spezialisiert ist. Die Leute lachen bei Li weniger als auf den Propagandabildern der Zeit, aber schlecht schien die Stimmung auch nicht gewesen zu sein. Dem Tod kommt der Fotograf dann am nächsten, als er die Erschießung von sechs Menschen zeigt, zwei davon überführte Mörder. Aber gerade diese Bilder verfremden das Geschehen der sechziger Jahre am wenigsten. Während die Spottmützen aus dem heutigen China verschwunden sind, bleibt die öffentliche Exekution Teil der Rechtspflege.

Damit ist die Grenze des Sensationellen erreicht. So wenig der Vorwurf der Beschönigung gegenüber dem mutigen Li Zhensheng gerechtfertigt wäre: Die ganze Wahrheit über die Kulturrevolution ist scheußlicher. Man muss nicht über Opferzahlen spekulieren. Es genügt, darauf hinzuweisen, dass schon 1967 in manchen Teilen des Landes bürgerkriegsartige Kämpfe zwischen rivalisierenden Gruppen und "Massenorganisationen" ausbrachen, die Tausende von Verletzten und manchmal Toten forderten. Aus der Provinz Guangxi im Süden berichten gute Quellen über rituellen Kannibalismus. Ein Höhepunkt der Gewalttätigkeit wurde 1968 erreicht, als Mao Tse-tung die Armee gegen jene Jugendlichen in Stellung brachte, die er zuvor zum Widerstand gegen jegliche Autorität (bis auf seine eigene) aufgewiegelt hatte. Panzer, Artillerie und Napalm wurden eingesetzt, Städte in Trümmer gelegt. Das kann Li Zhensheng nicht zeigen, weil er es nicht aufgenommen hat, oder er will es nicht zeigen, weil Takt und Würde es verbieten. Massaker, Mord, Selbstmord, Folter, Wahnsinn, Hunger, Haft unter grausamsten Bedingungen, die Erniedrigung Latrinen putzender Gelehrter, die Bitterkeit der Denunzierten – die tiefsten Schrecken des kommunistischen Chinas bleiben bildlich undokumentiert.

Dieses Buch bricht keine Tabus und beschuldigt keine Lebenden. Es veranschaulicht die Normalität im China der späten Mao-Jahre. Fast jeder Städter dürfte Zeuge des hier Dargestellten gewesen sein. Die heutige Führung kann die Veröffentlichung einer chinesischen Fassung gelassen erwarten. Sie unterstützt seit langem die Lesart der Kulturrevolution als "traumatischer Erfahrung", aus der die Partei gewandelt und gestärkt hervorgegangen sei. Ganz falsch ist das nicht. Unter Deng Xiaoping wurde in den achtziger Jahren der Spuk der Massenkampagnen beseitigt und das Gewaltmonopol des Staates wiederhergestellt. Die Kulturrevolution war das letzte Kapitel in der langen Leidensgeschichte, die das 20. Jahrhundert für die Chinesen bedeutete.