Vor zwei Jahren hat Patrice Chéreau einen Film über das Begehren gedreht. Intimacy handelte von einem Paar, das sich einmal in der Woche, ohne etwas voneinander zu wissen, zu wortlosem Sex verabredet. Der Regisseur versenkte das Geheimnis dieser Leidenschaft in eine zerwühlte Bettstatt und las die Gefühlshitze der Liebenden am Schweiß und an der Rötung der Haut auf ihren nackten Körpern ab. Erst die Liebe und dann das Sterben: In seinem neuen Film Son Frère (Sein Bruder ), für den er bei der diesjährigen Berlinale mit dem Silbernen Bären ausgezeichnet wurde, widmet sich Chéreau nun dem Tod. Er erzählt die Geschichte von Thomas, der an einer unheilbaren Bluterkrankung leidet und am Ende des Films Selbstmord begeht. Thomas taucht bei seinem jüngeren, homosexuellen Bruder Luc auf, den er seit längerer Zeit nicht mehr gesehen hat, und bittet ihn um Hilfe. Luc begleitet ihn bei den qualvollen Krankenhausaufenthalten und kurzen Tagen der Erholung am Meer.

Chéreau zeigt die Tristesse des Klinikalltags, die freundlichen, aber leeren Gesichter des Pflegepersonals, die stumme Verzweiflung des Patienten. Er inspiziert die Kanülen, durch die die Wundflüssigkeit läuft, und das Kondenswasser, das sich an der Plastikhaube über dem Kantinenessen gesammelt hat. Er schwenkt über die Weite des Atlantiks und den Steinschorf der Küste, an dem sich die Wellen unter einem bleigrauen Himmel brechen. Und immer wieder wendet sich das Kameraauge, wie in Intimacy, dem nackten Körper zu, fährt suchend über bleiche Haut und angstverschwitzte Haare, fokussiert die frische Operationsnarbe, Blutkrusten und Geschwulste. Als könne man beim Betrachten des schieren Fleisches etwas in Erfahrung bringen über die letzten Dinge der menschlichen Existenz.

Mit der kühlen Distanz eines Dokumentaristen begibt sich Chéreau auf die Spurensuche des Sterbens. Mit gefasstem Blick will er dem Tod entgegentreten, und doch verbirgt sich hinter der Lakonie immer auch das große Leidenspathos. Einmal kommen zwei Krankenschwestern, um Thomas für eine Operation vorzubereiten und ihm das Körperhaar zu entfernen. Aufreizend ausführlich zeigt Chéreau diese Prozedur. Es schnalzen die Gummihandschuhe, es summt der Rasierapparat, es raschelt die Abdeckfolie. Der nüchterne Vorgang als Opferritual – das Lamm wird für die Schlachtbank geschoren.

So ganz aber scheint der Regisseur der Kraft der Bilder nicht zu trauen. Deshalb muss immer wieder wie in Fieberschüben geredet werden über den Tod, über Befindlichkeiten und Beziehungsprobleme. Thomas und Luc versuchen, ihre schwierige Bruderliebe aufzuarbeiten. Claire, die Freundin von Thomas, wendet sich von dem Kranken ab. Die Eltern liefern sich konfus geschwätzige Streitauftritte. Sehr theaterhaft und künstlich wirken die Dialoge in dieser Studie von der Unerträglichkeit des Todes, die doch eigentlich ganz beiläufig daherkommen will. Wenn Thomas schließlich ins Wasser geht, das einsame Haus am Meer großformatig wie ein Landschaftsgemälde ins Bild rückt und Marianne Faithfull dazu "ashes to ashes, dust to dust" singt, wird aus dem Film eine melodramatische Sterbeoper.