Wenn ich die Gare de Lyon in Paris verlasse und mich in die Schlange der anderen Reisenden einreihe, die auf ein Taxi warten, befällt mich – nach vielen Jahrzehnten immer noch – eine prickelnde Erwartung, als führe ich zu einem Rendezvous mit einer schönen Frau.

Auch wenn ich in einem Londoner Taxi sitze und mich, von Heathrow kommend, dem Westend nähere, beschleunigt sich mein Puls auf eine fast kindische Weise angesichts der Dinge, die diese Stadt für mich in petto hat.

Bei der Ankunft in Wien empfängt mich eine herzliche Vertrautheit, die mir sagt: Jetzt bist du wieder zu Hause.

Warum empfinde ich nichts dergleichen, wenn ich in Berlin ankomme? Die Stadt ist nicht schön, ihr fehlen die Eleganz und die Wärme, sie verfügt nicht einmal über eine zentrale Attraktion. Der Potsdamer Platz? Abschreckung in Beton. Das Brandenburger Tor? Winzig und überschattet von einem dämlichen Fußball, dem runden Bruder der Mickymaus. Unter den Linden? Nicht einmal Ramblas-Format. Wenn sie wenigstens den langweiligen Gendarmenmarkt seinem Namen entsprechend mit Marktbuden voll stellen würden!

Nein, sie kriegen es nicht hin, dieser grauen Stadt hauptstädtisches Flair zu vermitteln. Der Umzug der Regierung vom Rhein an die Spree mag aus Gründen der Symbolik Sinn gehabt haben. Aber mit ihren Schreibtischen haben sie auch die Provinz mitgebracht. Dass die hier Brandenburg genannt wird, macht es nur schlimmer. Unter Lebensart hat man hier immer nur Arbeit und Pflichterfüllung verstanden. Heinrich Heine bezeichnete, in völliger Verkennung des Genius Loci, Berlin als "Neu-Athen". "Neu-Sparta" wäre zutreffender.

Kann unter solchen Umständen so etwas wie eine gastronomische Kultur entstehen? Wohl kaum. Dennoch haben sie sich große Mühe gegeben, die Köche und die Wirte. Sie haben Restaurants eröffnet, bei denen berühmte französische Etablissements Pate standen, sie nahmen sich prominente Cuisiniers zum Vorbild, errichteten Marmorsäle und Kristallkabinette und füllten ihre Keller mit den feinsten Flaschen, die weltweit produziert werden. Doch erhalten blieben den Feinschmeckern nur Vau, First Floor, Quadriga, Facil, Ana e Bruno, Seasons und Margaux. Für eine Metropole mit 3,4Millionen Einwohnern eine magere Bilanz, zumal keine dieser Adressen über den notwendigen Glanz verfügt, der ein Restaurant auch dann interessant macht, wenn der Küchenchef wechselt.

Trotzdem muss man anerkennen, dass sich die Berliner Luxushotels – nicht immer glücklich – um eine herausragende Küche bemühen. Und die Situation in Berlin wird nicht besser, wenn man berücksichtigt, dass viele Versuche spektakulär gescheitert sind, in der Kategorie darunter eine ambitionierte Gastronomie zu errichten.

So ist das Issan gegenüber dem Hotel Adlon verschwunden, wo es die beste Thaiküche von Berlin-Mitte gab. Ebenfalls verschwunden ist das Potsdamer Platz 1, dessen Betreiber erkennbaren Ehrgeiz hatten, ihr Lokal aus der Masse der bedeutungslosen Adressen herauszuheben. Was aber meine Berliner Gastgeber vollends um den Verstand brachte, war ihr Versuch, für Samstagmittag, für Sonntag- oder für Montagmittag ein Restaurant zu finden, wo wir stil- und genussvoll hätten speisen können. Wie es scheint, werden Berlins bessere Restaurants nur von Spesenrittern besucht, die übers Wochenende keine Arbeitsessen mehr abrechnen dürfen.

Ich landete daher notgedrungen, aber mit großer Befriedigung wieder einmal im Cassambalis in der Grolmannstraße, wo der Loup aus der Folie besser schmeckt als in südfranzösischen Kneipen und die Vorspeisen nicht weniger als köstlich sind. Außerdem inseriert der Patron im Lettre International anstatt in Bild, was ebenso sympathisch ist wie die Weinberatung durch seine kenntnisreichen Kellner.

Und es gibt auch ein paar positive Neuigkeiten. Da ist die freundliche Übernahme der Küche des Swissôtels in der Augsburger Straße durch Tim Raue. Er ist der Koch, der das Kreuzberger E.T.A. Hoffmann zu einer der bekannten Gourmet-Adressen gemacht hat, bevor dort die Rollladen runtergingen und er von der Bildfläche verschwand. Jetzt leitet er die Küche des bis dato nicht allzu renommierten Restaurants im Swissôtel. Die Speisekarte verrät, dass er den bekannten Spagat zwischen regionalen Gerichten (Kalbsherz, Kalbsschnitzel Berliner Art, Zanderfilet) und der internationalen Küche versucht. Der Augenschein bezeugt, dass ihm das auch gelingt. Die sichere Hand bei riskanten Kreationen hat Raue schon in Kreuzberg bewiesen, den feudalen Stil und die passende Eleganz musste er nicht erst lernen, das kann er, das schmeckt man.

Nur der Patissier darf noch dazulernen. Zum Beispiel bei seinem Kollegen vom Facil im Hotel Madison, wo seit dem Weggang von René Conrad ein neuer Küchenchef versucht, das Niveau des Vorgängers zu halten. Was ihm mithilfe des Patissiers fast gelingt. Wären die Fischfilets (Zander und Steinbutt) nicht etwas salzlos und wäre das Zwiebelgrün weniger roh gewesen, dann wäre jetzt ein begeistertes Heureka! angebracht.

Denn nach wie vor wird in den hellen Räumen des Dachgartenrestaurants eine hoch feine, sehr elegante Küche geboten, der es mühelos gelingt, auch so deutsche Akzente wie die Räucherforelle, den Schweinsfuß und die Schweinebacken mit Erbspüree derart in ihre Menüs einzubauen, dass man glaubt, bei einem feinsinnigen französischen Koch zu Gast zu sein. Doch dieser heißt Michael Kemps und ist so deutsch, wie es die Quarkkeulchen seines hoch begabten Patissiers sind.

Die besonders zuvorkommende Bedienung und die überlegte Auswahl auch bei den offenen Weinen machen einen Besuch in diesem modernen Restaurant zu einem in Berlin seltenen Vergnügen.

Ein großes Vergnügen macht vielen Leuten das Zirkusspektakel des Hans-Peter Wodarz, das unter dem Namen Pomp, Duck and Circumstance durch die Lande zieht und seit geraumer Zeit in Berlin vor Anker gegangen ist. Jetzt hat sein Lehrmeister aus den siebziger Jahren an der Leipziger Straße seinen Witzigmann Palazzo installiert, eine Kopie von Wodarz’ Restaurantzirkus, und sich damit endgültig aus der Kategorie der Spitzenköche verabschiedet.

Ich habe in keiner der beiden Institutionen gegessen, da ich für die Fröhlichkeit von Kindergeburtstagen nur minimal empfänglich bin.

Vielleicht helfen diese Restauranttheater ja, die gastronomische Szene Berlins zu bereichern, obwohl Klamauk statt Kochkunst nicht die Lösung sein kann.

Eine geniale Lösung hat der Bundeskanzler gefunden, der auf einem Empfang in den Hallen seines Bürohauses klein geschnittene Currywürste servieren ließ. Das nenne ich kulinarisch verantwortungsvoll gehandelt. Denn so kann sich jeder davon überzeugen, wie die von Schröder (angeblich) bevorzugte Wurst schmeckt, und hat gleichzeitig Gelegenheit, das kleine Stück diskret in die Serviette zu spucken.

Nach diesem Prinzip dürfte es auch anderen Personen gelingen, für ihre Produkte Interesse zu wecken: fein würfeln und bröckchenweise servieren. Das geplante Mautsystem bietet sich ebenso an wie die gemeine Weihnachtsgans.

Es wäre nicht verkehrt, schon heute mit dem Würfeln anzufangen, damit die Gans planmäßig am 25. Dezember in der Serviette verschwinden kann.

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