Ein russischer Weltkonzern, geführt von einem charismatischen Chef – wird es bald so weit sein? Wird die russische Ölgesellschaft Yukos mithilfe westlicher Investoren weiter wachsen und demnächst auf der ganz großen Bühne spielen? Noch im vergangenen Frühjahr schien diese Überlegung keineswegs übertrieben. Damals war die bevorstehende Elefantenhochzeit der russischen Ölkonzerne Yukos und Sibneft in aller Munde. Der vierte Platz in der Weltrangliste der Ölmultis schien dem neuen Giganten Yukos-Sibneft sicher.

Im Spätsommer wurde die größte Unternehmensfusion in der Geschichte Russlands von der Antimonopolbehörde, dem russischen Kartellamt, genehmigt, Anfang Oktober war die Vereinigung abgeschlossen. 19,4 Milliarden Tonnen geografisch erkundeter Ölreserven hat Yukos-Sibneft zu bieten, ein Drittel aller russischen Ölvorräte. In Moskau rätselte man über Hintergründe für die Fusion: Sollte damit das Einsteigen amerikanischer Ölmultis in Russland verhindert oder gar vorangetrieben werden?

Die Unternehmen Yukos und Sibneft wurden schon vor Jahren auf neue Füße gestellt. Die beiden Konzerne führten modernes Management ein und internationale Standards für die Erstellung von Bilanzen. Das machte sie transparent und verringerte die Produktionskosten. Minderheitenaktionäre erhielten Dividenden. In einiger Zeit könne Yukos-Sibneft sich in einen globalen Akteur verwandeln, freute sich die Moskauer Wirtschaftszeitschrift Ekspert, doch dafür müsse es seine Strategie ändern und sich auf internationalen Märkten betätigen. Über potenzielle Partner für diese Expansion wurde schnell spekuliert: die amerikanischen Weltkonzerne ExxonMobil und Chevron Texaco, womöglich auch die angloholländische Royal Dutch/Shell. Zum Kauf sollten, so wurde gemunkelt, zwischen 25 und 50 Prozent der Yukos-Aktien anstehen.

Als eine amerikanische Zeitung den russischen Präsidenten Putin im Oktober fragte, ob er mit diesem Verkauf der Yukos-Aktien einverstanden sei, antwortete der Kremlchef, ein solcher Geschäftsabschluss sei nur nach vorhergehenden Konsultationen mit der russischen Regierung möglich. Wenig später traf sich Exxon-Präsident Lee Raymond in Moskau mit Ministerpräsident Michail Kasjanow. Das Gespräch schien erfolgreich gewesen zu sein. Man spekulierte bereits über bevorstehende Kaufverträge. Aber es kam anders. Seit Michail Chodorkowskij im Gefängnis sitzt und vor wenigen Tagen Yukos-Aktien beschlagnahmt wurden, ist im Westen nicht mehr von Kaufabsichten die Rede. Man habe sich niemals über irgendein Interesse an Yukos ausgelassen, heißt es bei Exxon. Die Ölfirmen Exxon und Chevron sollten entscheiden, ob sie bedeutende Summen in russische Projekte stecken oder oder auf Investitionen in Russland verzichten wollten, riet die Zeitschrift Ekspert.

Künftig, erwarten Analysten, dürfte der Wunsch der Amerikaner, verstärkt in den russischen Öl- und Energiemarkt einzusteigen, die augenblicklichen Zweifel besiegen. Das Interesse amerikanischer Multis am russischen und auch am kaspischen Öl ist deutlich gestiegen, weil nach dem 11. September 2001 die Ölfelder des Mittleren Ostens als unsichere Quellen gelten. Schwierige Rahmenbedingungen für Investoren, komplizierte Steuergesetze und politische Unwägbarkeiten haben deshalb die Attraktivität des russischen Energiemarktes für ausländische Anleger nicht geschmälert.

Im vergangenen Februar einigten sich die britische BP und der russische Ölproduzent TNK (Tjumen-Ölgesellschaft) vertraglich auf ein Gemeinschaftsunternehmen, in das BP in den kommenden Jahren 7,7 Milliarden Dollar investieren will. BP-Präsident Lord Browne sprach von einem "kalkulierten Risiko". Bisher noch zeigt sich BP mit seiner Investition in Russland zufrieden. Im Unterschied zu Yukos-Sibneft hat sich TNK – wie auch andere russische Ölkonzerne – nicht um moderne Unternehmensführung und Transparenz gesorgt. Es wartete auf einen Geldgeber, der sich um die Ölvorräte eines Konzerns und weniger um seine ökonomische Effizienz schert.

Vagit Alekperow, Präsident des zweitgrößten russischen Ölgiganten LUKoil, geht andere Wege. Er kauft sich weltweit in alles ein, was gut und teuer ist im Ölgeschäft. So wagte er sich als erster russischer Öltycoon nach Nordamerika. Dort erwarb er etwa 1300 Tankstellen, eine davon in der Nähe des Weißen Hauses in Washington.

Mag ExxonMobil seine mögliche Beteiligung an Yukos wegen der aktuellen Machtkämpfe im Kreml auch überdenken, sein 12-Milliarden-Dollar-Projekt "Sachalin-1" will er nicht aufgeben. Für die technisch hoch komplizierte Ausbeute der Off-Shore-Ölfelder um die Insel Sachalin im fernen Osten Russlands hat die russische Regierung einem Abkommen über eine westliche Beteiligung an der russischen Ölförderung zugestimmmt, dem ersten und wohl letzten Abkommen dieser Art. Internationale Ölkonzerne aus Holland, den USA und Japan liefern Technologien und Ausrüstungen. Im Gegenzug erhalten sie Steuervergünstigungen sowie Anteile am geförderten Öl. Das Vorhaben Sachalin, in mehrere Entwicklungsphasen aufgeteilt, ist äußerst umstritten. Umweltschützer etwa befürchten beispielsweise das Aussterben der Grauwale vor der Insel.