Sie wird es noch schaffen, das Berliner Holocaust-Mahnmal auch den Wohlgesinnten zu verleiden. Lea Rosh, auf deren Initiative das Projekt ursprünglich zurückgeht, hat Peter Eisenmans Debattenbeitrag in der letzten Ausgabe der ZEIT mit den Worten kommentiert: "Wären Eisenmans Eltern in Auschwitz mit Zyklon B ermordet worden, was hätte er dann gesagt?" Peter Eisenman, der Architekt des Mahnmals, ist dagegen, die Degussa, deren Tochterfirma einst das Zyklon B hergestellt hatte, vom Bau auszuschließen. Nun wird ihm die Urteilsfähigkeit abgesprochen, weil seine Familie nicht in der Gaskammer starb – eine unerhörte Entgleisung.

Peter Eisenman ist Jude. Er hat es freilich stets vermieden, aus seiner bloßen Herkunft moralische Autorität in Gedenkfragen herzuleiten. Seiner nüchternen, unpädagogischen Art ist es zu danken, dass in Berlin ein Mahnmal entsteht, welches nicht predigt und keine wohlfeilen Menschheitsbotschaften vermitteln will. Ein Mahnmal, das sich Schuldstolz verkneift und die allzu billige Identifikation mit den Opfern unterläuft.

Damit kann sich Lea Rosh offenbar nicht abfinden. Sie wirft die Debatte auf ein Niveau zurück, das wir glücklich hinter uns glaubten. Die Zeit, in der bösartige Unterstellungen im Mahnmalsstreit als Argumente durchgingen, schien vorbei. Befürworter und Gegner waren bereit, die Argumente der anderen Seite gelten zu lassen, ohne sich wechselweise zu verteufeln. Nicht zuletzt die Bundestagsdebatte zum Thema hatte die neue vergangenheitspolitische Zivilität zum Ausdruck gebracht.

Lea Rosh hat bis heute nicht verstanden, dass mit dem Bundestagsbeschluss das Mahnmalsprojekt von einer ehrenwerten Bürgerinitiative zu einer Sache des deutschen Volkes geworden ist. Ihr unermüdliches Engagement war zweifellos ein Verdienst. Aber im Laufe des schier endlosen Streits drohte ihre moralische Eitelkeit dem Projekt zum Verhängnis zu werden. Lea Rosh wähnt sich, wie ihr geschmackloser Angriff auf Eisenman zeigt, als die authentische Stimme der Opfer, berechtigt, Maulkörbe zu verteilen und, wie es Wolfgang Thierse ausdrückte, "moralische Scharfrichterpositionen" einzunehmen.

Lea Rosh ist zur Belastung für das Denkmalsunternehmen geworden. Sie leidet unter Entzugserscheinungen, seit die Debatte, der sie ihre Prominenz verdankt, zu einem glücklichen Ende gekommen ist. Seit der Bundestag sich zu ihrem Projekt bekannt hat und eine neue Stiftung mit dem Bau betraute, ist sie immer wieder mit eigenmächtigen Krawallaktionen aufgefallen. Unvergessen das gigantische Plakat am Brandenburger Tor vor zwei Jahren: "Den Holocaust hat es nie gegeben". Bis heute freuen sich rechtsradikale Revisionisten über diese törichte Aktion.

Kommende Woche will das Kuratorium seine Degussa-Entscheidung abermals debattieren. Es sollte den Beschluss revidieren, der unsere Gedenkkultur um Jahre zurückzuwerfen droht. Der Bundestagspräsident als Vorsitzender der Stiftung sollte die Gelegenheit auch dazu nutzen, seiner Stellvertreterin Lea Rosh für ihren Einsatz zu danken – und sie dann von ihrer Funktion entbinden.