Auf Sri Lanka gibt es zwei Ferraris. Einer gehört dem Cricketspieler Sanath Jayasuriya, der zu den zehn besten Schlagmännern der Welt gehört und auf der Insel vergöttert wird. Nach Buddha für die Singhalesen, nach Schiwa, Ganescha und Wischnu für die Tamilen, nach Gott für die Christen und nach Allah für die Muslime kommt unverzüglich Cricket für alle. Aufständische Singhalesen im Süden, Bürgerkrieg zwischen der singhalesischen Regierung und den Tamilen, Waffenstillstand und seit zwei Jahren Friedensgespräche – wenn’s um ein bedeutendes Cricketspiel geht, etwa gegen die einstige Kolonialmacht England, vergessen die knapp 20 Millionen Sri Lanker ihre Querelen für die Länge eines Matches und stehen geschlossen hinter dem Team. Das zeitweilige Aussetzen der harten Realität hängt auch damit zusammen, dass beinahe jeder Wetten platziert hat, obwohl viele der Cricketsüchtigen unterhalb der Armutsgrenze leben und bloß ein Fahrrad oder einen Ochsenkarren besitzen. Oder nicht mal das.

Der andere Ferrari gehörte einst einem Italiener, der sich 1974, als auf Sri Lanka die Massaker begannen, eine ansehnliche Villa gönnte, in Colombo 7, wo auch jene residieren, denen die Cricketclubs gehören. Der Italiener ist von der zauberhaften Bildfläche des Landes verschwunden, der Ferrari soll, wie man hört, das Sozialprestige eines Businessman in Fahrt bringen.

Außerhalb der Hauptstadt Colombo gibt es nur eine Straße, auf der ein Ferrari nicht seinen Frontspoiler ruinieren würde. Auf den meisten Fahrbahnen bildet sich der Teerbelag zurück wie Gletscherzungen unter der Sonne, und der kurvige Fahrstil der Sri Lanker lässt sich nicht nur auf Arrak, den Palmenschnaps, das Benzin der Einheimischen, zurückführen, sondern auf Schlaglöcher. 50 Stundenkilometer sind das höchste der Gefühle. Nur die A6 ist anders. Sie beginnt jenseits der ehemaligen Straßensperre in Habarana im Zentrum des Landes. Regierungstruppen mit gehalfterten Pistolen stehen mit gekreuzten Beinen an die Sandsäcke gelehnt und verfolgen mit ihren Blicken die Fahrzeuge, die im Zickzack durch die Sperre fahren. Dahinter führt eine schnurgerade Straße nach Trincomalee an der Ostküste, der Belag ist neu, die Wagen kommen auf Tempo.

Man rollt auf der ehemaligen Frontlinie ins ehemalige Kriegsgebiet, das Land links und rechts ist nicht grün, wie die ganze Insel, sondern gelblich. Es gibt kaum mehr Bäume. Ab und an sieht man einen Elefanten im mannshohen Gestrüpp, verlassene MG-Stellungen auf haushohen Hügeln, und man ahnt das Blut, das links und rechts den ohnehin schon roten Boden tränkte. Am Ende dieser Straße liegt Trincomalee, das alle nur Trinco nennen. Aber diese kleine Stadt mit 49000 Einwohnern, Garnisonsstadt der Regierungstruppen, mit ihren einmaligen Stränden, heben wir uns für später auf.

Auf der Rückfahrt von Trinco, als wir Habarana schon wieder hinter uns gelassen haben, die Straße in Richtung Inselmitte wieder voller Kurven ist und die meisten dennoch fahren, als ob es geradeaus gehen würde, liegt ein Toyota-Kastenwagen zwei Meter tief im Straßengraben. Auf der Straße stehen paralysierte Teilnehmer einer muslimischen Hochzeitsgesellschaft auf dem Nachhauseweg. Die Verletzten sind schon abtransportiert worden. "Wenn du Muslime sehen möchtest, musst du ins Krankenhaus gehen", behauptet Mahinda, ein 42-jähriger groß gewachsener Singhalese, der Fremdenführer. "Es ist so. Alle fahren hier kriminell, aber die Muslime noch krimineller. Den Grund erzähle ich dir nach dem Abendessen. Wir müssen jetzt weiter."

Mahinda verlegt seine eigenen Bücher. Die meisten verschenkt er

Jetzt ist es nachmittags, kurz nach 14 Uhr. Vor uns liegt Sigiriya. Der Bus fährt vorsichtig, macht in der Stunde 40 Kilometer, 80 sind es noch bis zu diesem 200 Meter hohen Monolithen, den viele zu den erweiterten Weltwundern zählen. Mahinda erzählt von dem paranoiden König, der auf dieser Felsenfestung, die sich wie ein Backenzahn aus einem ansonsten zahnlosen Mund erhebt, Sicherheit vor seiner Familie suchte. Eine gute Geschichte, zumal der König, wie es sich anhand der vielen, kunstvoll und prächtig bebusten, auf den Stein gemalten Frauen herausstellen sollte, wohl ein kleiner Lüstling war. Mahindas Stimme ist angenehm sonor, sein Deutsch melodiös, und irgendwann gerät man in diesen Zustand, in dem man nur noch aus dem Fenster blickt und die Gedanken im Kopf flanieren.

Man kann nicht über Sri Lanka schreiben, ohne den Krieg zu erwähnen, obwohl die Vertreter der Tourismusindustrie, die immerhin schon eine Viertelmilliarde Dollar einspielt, ihn am liebsten als eine Episode im Geschichtsbuch der Insel behandeln würden, die nicht unbedingt erzählt werden muss. Sri Lanka hat Großes vor, baut einen zweiten Golfplatz, eine Automobil-Rennstrecke. Es will mit seiner Natur und seiner Kultur in ein paar Jahren jährlich zwei Millionen Touristen, fünfmal so viele wie heute, in jenes Land locken, das für Marco Polo die "schönste Insel der Welt" war. Da droht noch immer das Damoklesschwert des Krieges über den Köpfen. Die südliche Westküste zwischen Wadduwa und Bentota funktioniert bereits ertragreich als "All-inclusive-Terrain" für Menschen, die Mallorca im Kopf haben, sich aber mehr leisten können. In der Mitte des Landes liegen die kulturellen Kostbarkeiten, und die Traumstrände im Osten werden gerade abgesteckt wie einst die Claims im kanadischen Dawson City.