Friedrich Merz ist wieder obenauf. Vor kurzem noch bei den Wahlen zum Vorstand der CDU/CSU-Bundestagsfraktion arg gebeutelt, verkündet er jetzt strahlend, er habe "Grund zur großen Zufriedenheit und Freude". Immerhin hat der CDU-Bundesvorstand die Grundzüge seines Konzepts für "ein modernes Einkommensteuerrecht" gebilligt. Und selbst CDU-Chefin Angela Merkel, nicht gerade eine Sympathisantin von Merz, spricht von einem "Meilenstein, einem Befreiungsschlag".

Nicht nur bei seinen Parteifreunden bekommt der Fraktionsvize viel Zustimmung für seinen Vorschlag einer "radikalen Vereinfachung" und einer grundlegenden Reform des deutschen Einkommensteuersystems. Auch Wirtschaftswissenschaftler wie Thomas Straubhaar, Präsident des HWWA-Instituts für Wirtschaftsforschung, loben das Projekt als "Befreiungsschlag, den wir dringend brauchen, um das Steuerdickicht zu lichten".

Und das zu Recht.

Für eine durchgreifende Neuordnung des Steuersystems, die deutlich über die rot-grüne Steuerreform hinausgeht, gibt es viele gute Gründe. Mit mehr als 100 Steuergesetzen, 96000 Verwaltungsvorschriften, etwa 5000 amtlichen Schreiben des Bundesfinanzministeriums, in denen Details geregelt werden, und jährlich Tausenden neuer Finanzgerichtsurteile ist das deutsche Steuersystem zu einem Dschungel geworden, den selbst Fachleute nicht mehr durchdringen können. Die Besteuerung ist alles andere als gerecht, weil von den zahllosen Ausnahmen vor allem die besonders kreativen Steuervermeider profitieren und dazu jene, die sich eine teure Beratung leisten können.

Schlimmer noch: Weil Unternehmen und Bürger ihre Entscheidungen vielfach nicht nach ökonomischen Kriterien treffen, sondern danach ausrichten, möglichst viel Steuern zu sparen, wird die Entwicklung der gesamten Volkswirtschaft beeinträchtigt. "Das deutsche Steuersystem", sagt Manfred Rose, einer der Radikalreformer unter den Wissenschaftlern, "ist ein Wachstumskiller."

Dabei war es keineswegs die plötzliche Einsicht in die Notwendigkeit einer grundlegenden Reform, die am vergangenen Montag die CDU-Oberen bewogen hat, das Merz-Konzept im Parteivorstand durchzuwinken, wenn auch erst nach einigen Änderungen. Mit seinem Programm hat Friedrich Merz der Unionsspitze aus einer akuten Bredouille geholfen: Seit die rot-grüne Koalition im Juni das Vorziehen der dritten Stufe ihrer Steuerreform auf den Jahresbeginn 2004 beschlossen hat, streiten sich die Unions-Ministerpräsidenten darüber, unter welchen Bedingungen sie der vorgezogenen Steuersenkung zustimmen können. Wie viele Schulden dürfen dafür zusätzlich aufgenommen werden? Inwieweit müssen die Steuerausfälle "gegenfinanziert" werden?

Auch am Montag konnte sich die CDU-Führungsriege nur auf den Minimalkonsens verständigen, dass die Unionsländer am Freitag dieser Woche im Bundesrat den rot-grünen Gesetzen erst einmal die notwendige Zustimmung verweigern.

Im anschließenden Vermittlungsverfahren jedoch ist alles offen. Aus der Erkenntnis heraus, die Länderchefs der Union nicht auf eine geschlossene Ablehnung einschwören zu können, entließ die CDU-Chefin sie vorsorglich aus der Parteidisziplin. Sie respektiere, "dass Ministerpräsidenten nicht nur einer Partei angehören, sondern auch dem Wohl ihres Bundeslandes verpflichtet sind", sagt Angela Merkel. Vor allem der Thüringer Dieter Althaus, der Baden-Württemberger Erwin Teufel und der Hamburger Ole von Beust, aber auch Bayerns CSU-Regierungschef Edmund Stoiber gelten aus CDU-Sicht als unsichere Kantonisten.