Die Züge der Bahn sind zu 85 Prozent pünktlich, und 95 Prozent aller Anschlusszüge werden erreicht. Das sagt die Statistik. Wie oft der letzte Anschlusszug verpasst wird und was dann passiert, sagt die Statistik nicht. Das muss der Reisende selbst herausfinden. Ein Erlebnisbericht.

Freitagabend, 18.00 Uhr. Die Familie steht bei Schneetreiben im Bremer Hauptbahnhof und wartet. „Fünf Minuten Verspätung“ meldet die Anzeigetafel. Kaum sind die fünf Minuten um, springt die Anzeige auf 10 Minuten, dann auf 20, dann auf 30. Ein Notarzteinsatz habe den Zug aufgehalten, heißt es. Den Anschlusszug in Hannover schaffen wir damit nicht mehr. Statt um 23.07 Uhr werden wir erst um 0.18 Uhr unser Ziel in Karlsruhe erreichen – so verspricht es der Fahrplan. Halb so wild, denken wir, die Großeltern schlafen sowieso schon, wenn wir ankommen.

In Hannover schickt uns die Lautsprecheransage zu Gleis 4, wo um 20.10 Uhr ein ICE nach Kassel fahren soll. So steht es auch auf der Anzeigetafel. Doch um 20.15 taucht kein Zug auf, sondern eine neue Anzeige: „ca. 30 Minuten später“. Hinter uns schreit jemand so laut „Scheiße!“, dass die Kinder zusammenzucken. Am Service-Point in der Bahnhofshalle steht eine lange Schlange. „Das weiß ich auch nicht“, lautet die genervte Antwort auf meine Frage, ob wir denn heute Abend überhaupt noch nach Karlsruhe kommen werden. Ich bekomme eine Visitenkarte mit der Nummer des Beschwerde-Telefons („EUR 0,12/Min., auch über ein Lob würden wir uns freuen“).

Auf Gleis 4 fährt um 20.50 Uhr ein ICE ein und bringt uns bis Kassel-Wilhelmshöhe. Der letzte Anschlusszug nach Karlsruhe ist dort allerdings schon weg, erklärt die Schaffnerin. Dann müssen wir wohl übernachten, sagen wir. So sieht sie es auch, schreibt „Hotel“ auf unsere Fahrkarte und drückt ihren Stempel darunter. Doch dann kommt sie noch einmal zurück in unser Abteil. „Die Transportleitung in Frankfurt hat die Übernachtung abgelehnt“, es gebe nämlich doch noch einen Zug nach Karlsruhe – mit 40 Minuten Umsteigepause in Bruchsal und Ankunft kurz nach halb drei in der Nacht. „Es tut mir leid“, sagt die Schaffnerin, „aber ich muss Ihnen das so sagen.“ Und dann stellt sie zum Trost noch zwei Reisegutscheine à 10 Euro aus.

„Das nehm ich auf meine Kappe“, sagt die Bahn-Mitarbeiterin am Service-Point in Kassel-Wilhelmshöhe und greift zum Stift, um den Hotelgutschein trotzdem auszufüllen, „den ganzen Tag muss ich mich hier beschimpfen lassen, jetzt mach ich am Schluss auch mal eine gute Tat“. Da stürzt ein uniformierter Vorgesetzter dazu und wedelt mit dem Fax aus Frankfurt. „Übernachtung abgelehnt!“, ruft er. Die Achtjährige fängt an zu weinen, die Zwölfjährige will zum Zug. Da greift eine weitere Kollegin ein, plötzlich haben alle Zeit. „Ich rufe noch mal in Frankfurt an“, sagt sie. Auf der anderen Seite ist diesmal eine Frau, der Hinweis auf die zwei frierenden Kinder stimmt sie gnädig. „Hotelübernachtung von Transportleitung genehmigt“, schreibt die Bahn-Mitarbeiterin auf unsere Fahrkarte, setzt ihren Stempel darunter und zeigt uns den Weg zum Intercity-Hotel. „Das ist Frauenpower“, lacht sie. Ihr Vorgesetzter guckt betreten.

Am nächsten Morgen stehen wir um 9.15 Uhr wieder auf dem Bahnsteig. Unser Zug hat 40 Minuten Verspätung. Aber am Nachbargleis fährt gerade einer ein, der eigentlich schon vor einer Stunde hätte abfahren sollen. Den nehmen wir und kommen mittags um zwölf in Karlsruhe an. Unterwegs sind die Schaffner in ihrer Großzügigkeit gar nicht mehr zu bremsen. Zwar reisen wir im falschen Zug, der auch noch verspätet ist – aber wir sind damit eigentlich ja wieder im Fahrplan. Trotzdem werden uns noch einmal vier Trostgutscheine zugesteckt.

99 Euro hat am Ende die Familien-Rückfahrkarte mit Sparpreisrabatt und Bahncard-Ermäßigung gekostet, Gutscheine über 60 Euro haben wir bekommen, dazu eine Hotelübernachtung für vier Personen. Wären wir mit dem Auto gefahren, hätte die Bahn viel Geld gespart. Dirk Asendorpf