Der originellste Film dieser Tage, Lars von Triers Dogville, ist Kino im Sinne Bert Brechts: ein episches Lichtspiel. Dogville zeigt in jeder Sekunde, dass es armselige Kunst, arglistige Täuschung, Machwerk ist. Das Dorf Dogville hat keine Wände und keine Dächer; es ist durchsichtig bis in die Herzen seiner Bewohner. Aus ein paar Kreidestichen am Boden lässt der Regisseur ein Welttheaterkaff erstehen, und auf den Strichen huschen Schauspieler dahin. Der Film ist ein Spiel mit dem Nichts, das uns dennoch packt, weil es zeigt, womit wir im Leben kämpfen: mit dem Mangel, der Leere, der Lüge. Dogville ist so etwas wie der letzte Ort des herkömmlichen Kinos: In seiner Kreide ruhen alle, die wir auf Leinwänden je sterben sahen. Auf ihrem Staub hat von Trier sein Dorf errichtet.

Während der wichtigste Film dieser Tage theaterhaft karg ist, versucht das Theater landauf, landab, sich klirrend ans große Kino ranzuschmeißen. Und während Lars von Trier antiillusionistische, helle Spiele im Geist Brechts treibt, neigen die Bühnen dazu, in ihren Kino-Begleitstücken ein fettes, triviales, raunend dunkles Seelenerkundungstheater zu machen, das gar nicht weiß, wie viel es dem alten Henrik Ibsen verdankt.

Zum Beispiel Berlin, Schaubühne, vergangenes Wochenende: Der Würgeengel, inszeniert von Thomas Ostermeier, ist ein Stück des Niederländers Karst Woudstra, das auf Luis Buñuels gleichnamigem Film aus dem Jahr 1962 basiert (dem wiederum ein Theaterstück zugrunde liegt). Ein Locked-Room-Spiel um Damen und Herren der höheren Wolfsgesellschaft, die sich in einer Villa zum Abendessen treffen und dem Bann des Ortes nicht mehr entkommen. Keiner kann die Villa verlassen. Ein Würgeengel hat eine Schlinge, eine Zeitschleife, um das Haus gelegt. Bei Buñuel entwickelt sich unter diesen Bedingungen ein menschlicher Dschungel: Die fein verkommenen Gäste entdecken die Wildnis in sich selbst, sie hacken die Wasserleitungen in der Wand auf, sie entwickeln religiöse Rituale, bieten sich einander als Opfer an und gehen der Welt paarweise verloren. Das hat großen Reiz. Bei Buñuel gleitet die Kamera wie ein diskreter Detektiv durch den Salon, ja, Buñuels Blick selbst ist der Würgeengel, der die Gesellschaft umschlingt.

Ostermeier dagegen bietet den Panoramablick von außen auf eine hübsch verkommene Gesellschaft. Man sieht eine Gruppe, die sich auf halbrunder, japanisch dunkler Salonbühne ins Breitwandformat spreizt und in funkelnder Perversion entfaltet. Dies ist ein Isenheimer Schweinepriester-altar, ein Society-Centerfold, tiefenscharf wie ein Foto von Andreas Gursky. Wo bei Buñuel das Spiel der Einzelnen gegen die Gruppe flirrende Intensität entwickelt, muss bei Ostermeier jeder Spieler mit mehr oder weniger dezenten Mitteln "Ich! Ich! Ich!" und "Hierher!" rufen. Das erinnert an eine Big Band, deren Musiker unablässig mit Sekundensoli gegeneinander kämpfen.

Worum geht es? Um Sex, um Drogen, um Macht. Um Männer, die nur noch "Schwanz", um Frauen, die nur noch leere Höhle sein können. Man spürt, was seit Buñuels Zeit verloren gegangen ist. Damals gab es noch einen Gott, den man beleidigen, und eine Hölle, die man mit Flüchen bevölkern konnte. Was bleibt bei Ostermeier und Woudstra? Ein bisschen Perversion, also: Kindheits-traumata. "Ich gehe zu meiner Domina. Zwei-, dreimal im Monat", sagt im Stück der ruchlose Politiker Wallrabe, Gastgeber des verhängnisvollen Festes, "aber sie ist eine einfache Frau, verstehst du? Sie hat nicht genug Phantasie. Sie hat keine Ahnung, wie wir erzogen worden sind. Dass wir schon verprügelt wurden, wenn wir die Hände in den Hosentaschen hatten."

Da ist sie, die goldene Ibsen-Klammer, mit der Gegenwart und Vergangenheit so zusammengetackert werden, dass sie einander restlos erledigen: Der Saukerl war als Kind ein armes Schwein, was konnte da anderes aus ihm werden als ein Spitzenpolitiker?

Ibsens Theater beruht auf der Überzeugung, man müsse nur weit zurück in die Vergangenheit und tief hinab in die Abgründe einer Person reisen, und dann werde man deren Seele schon freilegen und retten können. Dahinter steht das Bild von der Zwiebel (siehe Peer Gynt), der unser Inneres gleicht: Die Schalen (Verstellung, Lüge, Verdrängung) müssen abgelöst werden, bis man eventuell zu einem wertvollen Innersten vorstößt. Das Ibsen-Schema befeuert heute unzählige TV-Serien, und es wirkt auch hier, im Berliner Würgeengel, allerdings ins Leere. Wir sehen Widerlinge, die sich häuten. Sie müssen durch den Schmerz, damit sie gerettet werden. Aber bei Ostermeier und Woudstra gibt es ja keinen Kern, nichts, was zu retten wäre. Also begnügt man sich mit dem festlichen Ablösen der Schalen.