So schnell Winter war nie, und eigentlich hätte ich es ahnen müssen. Habe ich doch, zum ersten Mal, alle Blumenzwiebeln rechtzeitig in die Erde bekommen und wollte nun das große Finale in Ruhe und mit dem befriedigenden Gefühl erfüllter Gärtnerpflichten genießen: hellgoldenes Laub von den Straßen-Linden auf der einen, sattes Dunkelgold von meinem Kirschbaum auf der anderen Seite. Dazwischen das warme Haus, das ich nur zu verlassen gedachte, um in genüsslicher Novembermelancholie das Laub zusammenzuharken.

Doch wenn man sich im Garten auf irgendetwas verlassen kann, dann darauf, dass es kaum jemals so kommt wie geplant. Es schneite im Oktober, gefolgt von einer Frostnacht. Was dann kam, war Akkordarbeit bei eisiger Kälte, ohne Muße für Melancholie: Die Kapuzinerkresse rann nach minus fünf Grad als grüner Glibber an der Hauswand herab, die letzten Kübelpflanzen wollten sofort ins Warme, die Tontöpfe drohten zu platzen, die Wassertonnen ebenfalls… und so weiter.

Und dann die Bäume! Statt malerisch durch den Frühnebel taumelnder Blätter, statt romantischen Laubfalls "wie von weit" fiel auf einmal alles, in wenigen Stunden. Und übrig blieben ein dicker Teppich meist noch grüner Blätter unten und kahle Äste oben. Die verneinende Gebärde kam von meinen Nachbarn: Das Gros von ihnen betrachtet das Herbstlaub ohnehin als eine Art biblischer Plage hart am Rande einer Naturkatastrophe, als Einbruch des Anarchistischen, der das besenreine Erscheinungsbild rundum auf das Provozierendste stört. Natürlich wird die Natur mit allen Mitteln abgewehrt: Alte Obstbäume sind längst durch pflegefreie, Jahreszeiten-neutrale Koniferen ersetzt, die schönen Linden und Birken an der Straße sähen viele lieber heute als morgen durch Parkplätze ersetzt. Gott sei Dank spielt da die Stadt nicht mit, und einige hinterlistige Attentate haben die Bäume bisher überlebt. So zupfen nun Rentnerinnen mit gepeinigter Miene Lindenblätter aus Thuja und Blauzypresse und harken ekelerfüllt jedes Blättchen in den Müllsack, während die männliche Fraktion grimmig entschlossen im Morgengrauen den Laubsauger auspackt.

Mir dagegen können nie genug Blätter fallen. Einmal mag ich den Herbst und harke gern, zum anderen brauche ich möglichst viel Laub, um meinen Garten winterfest zu machen. Bisher habe ich es, zum Schutz des Bodens, nur unter Büschen und Hecken liegen lassen. Nach dem langen, harten, opferreichen Kahlfrost des letzten Winters aber bedecke ich diesmal vorsichtshaber auch die Beete mit Laub und streue ein wenig Kompost darüber. Das sieht aus wie ein Pullover in Herbstfarben und sollte, falls es wieder keinen schützenden Schnee gibt, auch die empfindlicheren Stauden gut vor eisiger Kälte abschirmen. Diese Decke verrottet schnell, die Reste lassen sich im Frühjahr leicht zusammenharken. Infrage kommt aber nur weiches Laub, etwa Obstbaum und Linde, hartes Eichenlaub verrottet zu langsam und säuert den Boden dabei zu heftig. Das mögen nur Rhododendren und Azaleen, die aber sehr.

Selbst meine großen Obstbäume liefern mir nicht genug Blätter, und Laub von außerhalb zu besorgen hat seine Tücken: Zwar ist jeder begeistert, es loszuwerden, doch muss die Quelle unbedingt vertrauenswürdig sein. Ansonsten kann man sich eine Menge Ungemach einhandeln: Mit Schaudern erinnere ich mich an die Säcke herrlichen Apfel- und Ahornlaubs, das ich in einem Jahr allzu sorglos verteilt hatte. Im Frühjahr sprossen überall Hunderte kräftiger, tief wurzelnder und verblüffend widerstandsfähiger Ahornsämlinge. Da halte ich mich lieber an die Straßenbäume. Bevor meine Nachbarn zuschlagen können, habe ich schon zusammengekratzt, was immer die Linden hergeben, und den kostbaren Rohstoff triumphierend ins eigene Revier geschafft. Diese letzte Ernte des Jahres regt den Jäger- und Sammlerinstinkt gleichermaßen angenehm an und ist überdies berechenbar kommunikativ: Kinder verstehen und teilen den Spaß am Raschelnden, Bunten, und garantiert kommt ein Spaziergänger, der die randvolle Schubkarre angewidert mustert, mich mitleidig anspricht ("Da hamse aber ganz schön was zu tun mit all dem Zeugs. Furchtbar, nicht?") und nach einer betont fröhlichen Antwort kopfschüttelnd weiterzieht. Dieses Jahr jedoch war das Vergnügen durch die jähe Kälte allzu kurz. Aus Sommer ist übergangslos Winter geworden. Vom Grün ins Grau, ohne Gold und Rot dazwischen. Der Herbst fällt aus – und das kann einen wirklich richtig melancholisch machen!