London

In der Stunde der Not besannen sich die britischen Konservativen ihrer Darwinschen Instinkte. Mit Ian Duncan Smith servierten sie den dritten Parteiführer binnen sechs Jahren ab. "Die Bestie", sagt der konservative Historiker Hywel Williams, habe "ein weiteres Opfer gerissen". Kalt, ganz unsentimental, ein Akt, der schierem Überlebensdrang entsprang. Der Illoyalität folgte eine ebenso rare wie fulminante Demonstration der Einigkeit: Per Akklamation, ohne jeglichen Widerspruch, wurde mit Michael Howard ein neuer Parteiführer installiert. Dabei wimmelt es in der Tory-Fraktion im Unterhaus von Politikern, die felsenfest davon überzeugt sind, das Zeug zum Parteiführer zu besitzen.

Die Tories scheinen sich also wieder zu fangen. Deutliches Indiz für die Besserung ist ihre Entscheidung für Professionalität und Kompetenz. Nicht einmal Labour mag dies dem 62-jährigen Howard absprechen – wie erstaunlich seine politische Wiedergeburt ansonsten auch wirken muss. Als Michael Howard 1997 Führer der geschlagenen Tories werden wollte, ließ ihn seine Partei beinah verächtlich abblitzen. Der frühere Innenminister galt als Wählerschreck und Verlierer.

Bemerkenswert auch, wie entschlossen die Entmachtung der konservativen Basis betrieben wird. Den Mitgliedern der Partei hatte man nach der Wahlniederlage von 2001 das Recht eingeräumt, künftig als letzte Instanz per Stichwahl über den Parteichef zu entscheiden. Wie oft in den düsteren Monaten der Hoffnungslosigkeit unter Ian Duncan Smith auf konservativen Dinnerpartys über diese unselige Regel lamentiert wurde! Bis 1964 hatten sich die Großen und Guten des Tory-Establishments hinter verschlossenen Türen auf den Führer geeinigt; danach wurde die Unterhausfraktion das alleinige Entscheidungsgremium, bevor die Tories sich 2001 für direkte innerparteiliche Demokratie entschieden. Nicht einmal Labour mochte sich derart tief vor dem demokratischen Prinzip verbeugen. Die Weisheit der eigenen Basis bescherte den Tories den schwächsten Parteichef aller Zeiten. IDS besaß weder Charisma, Intellekt noch Führungskraft. Aber er teilte Instinkte und Bauchgefühle einer überalterten Mitgliedschaft, die fernab der Realität des modernen Großbritanniens lebt und nicht begreift, dass nur radikale Erneuerung ihre Partei vor dem Abstieg in die Bedeutungslosigkeit bewahren kann. Unter Ian Duncan Smith wäre sie unweigerlich in eine dritte Wahlniederlage marschiert.

Ohne Wechsel an der Spitze keine Aussicht auf die Rückkehr zur Macht – so lautete die brutale Botschaft aller Meinungsforscher. Obgleich die Blair-Regierung durch den Irak-Krieg arg gebeutelt, ihr Nimbus als Partei der Reform öffentlicher Dienste erheblich angekratzt ist und sich der Charme Tony Blairs längst abgenutzt hat, darf Labour bei der nächsten Wahl in zirka zwei Jahren erneut mit einer satten Mehrheit rechnen. Für die Tories ist dies eine schockierende Erkenntnis.

Großbritanniens Konservative sind die erfolgreichste Partei in der Geschichte der westlichen Demokratie. Fast zwei Jahrhunderte lang besaßen sie ein Abonnement auf die Macht; mit Fug und Recht reklamierten sie das Etikett natural party of government für sich. Tories regierten, die anderen spielten Opposition. Das war der natürliche Lauf der Dinge. Und sie brachten große Premiers hervor: Peel, der die Partei vom Freihandel überzeugte, der one nation- Premier Disraeli, der die Konservativen an ihre Verantwortung für die ganze Nation erinnerte, der Kriegspremier Winston Churchill. Auf diese Liste gehört auch Margaret Thatcher, die mit harter Hand den wirtschaftlichen und politischen Abstieg des Landes beendete.

Doch wie Imperien und Institutionen können auch Parteien überflüssig werden und langsam dahinsiechen. Großbritanniens Liberale haben seit mehr als 80 Jahren nicht mehr regiert. Nun wittern sie die Chance, die Konservativen als Alternative zu Labour ablösen zu können. Der desolate Zustand der Tories nährt ihre Hoffnung.

Seit dem Ende der Thatcher-Ära irren die Konservativen orientierungslos in einer politischen Landschaft umher, die sich radikal verändert hat. Mit dem Kollaps des Kommunismus endeten die großen, ideologischen Kämpfe, aus denen sie mit dem euphorischen Gefühl des totalen Sieges hervorgingen. Doch die Drachen, die die Eiserne Lady erfolgreich bekämpfte, übermächtige Gewerkschaften und sozialistische Verstaatlichungsfanatiker, sind längst besiegt. Zugleich offenbarten sich die Schattenseiten eines Marktfundamentalismus, den der Philosoph John Gray wegen seines ökonomischen Reduktionismus als "Maoismus von rechts" bezeichnet. Politik operiert seitdem vorwiegend jenseits von links und rechts.