Die Situation ist absurd, wenn sie nicht so ernst wäre. Britische Presseorgane, immer auf der Jagd nach exklusiven Nachrichten, fechten vor Gericht für das Recht, Beschuldigungen gegen den britischen Thronfolger publizieren zu dürfen, von deren Wahrheitsgehalt selbst sie ganz und gar nicht überzeugt sind. Prinz Charles fühlt sich in einem beinah revolutionären Akt gezwungen, Vorwürfe gegen seine Person zu dementieren, von denen die Mehrheit der Inselnation bislang noch nichts gehört hat. Bis jetzt jedenfalls. Und die Medien, national wie international, beschwören eine „tiefe Krise“, die die britische Monarchie zu Fall bringen könnte.

Die Absurdität der gesamten Story lässt sich nur erfassen, wenn man sich den Urheber des neuesten „Skandals“ der Windsors genauer anschaut. Georg Smith, ein früherer Bediensteter von Prinz Charles, behauptet schon lange, vom ehemaligen Kammerdiener des Prinzen, Michael Fawcett, vergewaltigt worden zu sein. Darüberhinaus erzählte er bereits im vergangenen Jahr der "Mail on Sunday", er sei Zeuge eines „sexuellen Aktes“ gewesen zwischen einem „hochrangigen Mitglied“ der königlichen Familie und einem Diener. Würde der Name der involvierten Hoheit bekannt, werde die Monarchie in ihren Grundfesten erschüttert, hatte er dräuend hinzugefügt. Damals war diese Geschichte angesichts der Aufregung über den geplatzten Prozess gegen den ehemaligen Butler von Prinzessin Diana ein wenig untergegangen. Auch galt besagter Georg Smith nicht gerade als sehr zuverlässige Quelle. Doch nun hatte die „Mail on Sunday“ neuen Bedarf an Schmuddelkram über die Windsors. Man befragte Smith erneut und plante eine sensationelle Enthüllungsstory, in der nun „Ross und Reiter“ benannt werden sollten.

Vereitelt wurde dies zunächst einmal durch eine einstweilige Verfügung, die der frühere Kammerdiener von Prinz Charles vor Gericht erwirkte. Dank Internet und ausländischer Presseorgane wie des eigentlich als seriös geltenden italienischen "Corriere della Sierra" sind sowohl die Beschuldigungen gegen Charles als auch jene gegen Michael Fawcett längst in der Öffentlichkeit angekommen. In der vernetzten Welt der Informationsrevolution haben einstweilige Verfügungen der Gerichte viel von ihrer Wirkung verloren. Genau deshalb hatte sich der britischen Thronfolger auch zur Vorwärtsverteidigung und zum öffentlichen Dementi entschlossen, wofür er jetzt natürlich Prügel einsteckt. Würdevolles Schweigen wäre weiser gewesen, maulen PR-Experten und Zeitungskommentatoren, die ansonsten dem Königshaus bei jeder sich bietenden Gelegenheit vorwerfen, zu steif und altmodisch zu sein und die moderne Mediengesellschaft nicht zu verstehen.

Die mediale Hysterie über den neuesten königlichen „Skandal“ ist umso unverständlicher, wenn man die Hauptfigur näher betrachtet. Der Polizei ist Georg Smith seit langem als mental gestörter „Phantast“ und Alkoholiker bekannt. Mitte der 90er hatte der Veteran des Falklandkrieges immer wieder die Polizei alarmiert und behauptet, er werde in seinem Haus von Rüpeln attackiert, sein Leben sei in Gefahr. Die Polizei fand keinerlei Indizien dafür; sie installierte schließlich eine geheime Überwachungskamera. Nichts war passiert, Smith hatte alles erfunden. Die Kamera fing damals auch Bilder einer schönen Blondine ein, die Georg Smith besuchte – es war Prinzessin Diana, die ihn eingehend befragte über seine „Erlebnisse“ und das Gespräch auf Kassette aufnahm. Durch die Indiskretionen ihres früheren Butlers Paul Burrell wissen wir, dass die Prinzessin selbst in einer Welt der Verschwörungsphantasien und paranoiden Ängste lebte, bestärkt darin von Wahrsagerinnen, New Age -Therapheuten und ergebenen Höflingen. Eine Figur wie Georg Smith passte in diese Welt. Und er lieferte ihr vielleicht einmal nützliche Munition gegen den früheren Ehemann. Das würde erklären, warum sie die Kassette mit den Aussagen von Smith wie ihren Augapfel hütete. Heute gilt die Kassette als unauffindbar. Um ihren Verbleib ranken sich wilde Gerüchte, doch das ist eine andere Geschichte.

Die Polizei hatte das Königshaus damals auf das drängende Gesundheitsproblem von Georg Smith hingewiesen. Daraufhin wurde der Mann in einer teuren Klinik auf Kosten des königlichen Arbeitgebers behandelt. Gefruchtet hatte die Kur offenbar wenig. In den vergangenen Jahren wurde Smith immer wieder von analen Vergewaltigungsphantasien heimgesucht. Erst beschuldigte er zwei Jugendliche, dann einen Handwerker, ihn vergewaltigt zu haben. Wiederum war alles frei erfunden. Allein die Aussagen dieses offenkundig mental gestörten Alkoholikers, der nun durch den Verkauf seiner „Erinnerungen“ noch einmal Geld verdienen will, bilden die Basis für den medialen Feuerzauber. Nicht die Monarchie steckt in einer „tiefen Krise“, wie überall zu lesen ist. Die gesamte Affäre offenbart den krisenhaften Zustand der modernen Medien. Die "4. Gewalt" bietet ein fürchterliches Schauspiel, im Kampf um Auflagen und Einschaltquoten schreckt sie vor immer weniger zurück. Auf der Insel hat sich ein hysterisches Klima herausgebildet. Der Celebrity -Kult steht in voller Blüte, begleitet von Voyeurismus, Enthüllungssucht und der Lust, Persönlichkeiten und Instutionen zu demütigen oder zu demontieren. Die Mittel, zu denen die Presse greift, werden immer rabiater. Wer bei der Jagd auf exclusive Enthüllungsstories die Nase vorn hat, darf mit steigenden Auflagen rechnen.

Der Daily Mirror profitierte gerade erst von den Enthüllungen des früheren Butlers von Diana, an manchen Tagen wurden dabei bis zu 300.000 Exemplare mehr verkauft. Hemmungen fallen und im verschärften Kampf um Auflagen und Einschaltquoten werden Tabugrenzen immer leichter überschritten. Zumal im Umgang mit der Monarchie scheint alles erlaubt. Zur Not reichen allemal „anonyme“ Zeugen oder dunkle Andeutungen, die irgendwo im Raume herumschwirren. Die berühmt berüchtigten britischen Tabloids sind beileibe nicht die einzigen Sünder. Die sogenannten Qualitätszeitungen, die gerne die Nase rümpfen über die Massenpresse, mischen genauso mit wie es ausländische Gazetten tun.