Wieder einmal hat die Liberaldemokratische Partei (LDP) in Japan einen Sieg bei den Parlamentswahlen davongetragen. Wieder einmal loben in- und ausländische Wahlkommentatoren die Gewinne der Oppositionspartei. Wieder einmal bleibt nach einer Wahl in Japan politisch alles beim Alten.Wer in die Unveränderlichkeit der politischen Verhältnisse Japans Einblick nehmen will, muss einen japanischen Wahlsonntag vor dem Fernseher verbringen. Mit den ersten Ergebnisnachrichten um 18 Uhr geht es immer gut los: Dann werden Wählerumfragen beim Verlassen der Urne veröffentlicht und regelmäßig scheidet die LDP schlecht ab. Gestern werden der Opposition am frühen Abend schon über 200 Abgeordnete versprochen, und der LDP nur 220. Das wäre es: Japan im Zwei-Parteien-Fieber ganz nach amerikanischem Vorbild.Doch wer fährt schon für Umfragen, deren Halbwertszeit 60 Minuten beträgt, in Fischerstädtchen und Reistäler? Dorthin, wo die LDP herkommt. Nur eine Stunde später, gegen 19 Uhr, kommt der Realitätsschock: Nun werden die ersten ausgezählten Wahlkreise gemeldet. Von den 150 meist ländlichen Bezirken, die ihre Ergebnisse an jedem Wahltag am schnellsten abliefern, gehen in der Regel zwei Drittel an die LDP. So ist es auch gestern. Für den regierungskritischen japanischen Fernsehzuschauer aber beginnt damit die ewig wiederkehrende Tortour: Den ganzen Abend liegt die LDP weit vorn. Immer wieder werden die Ergebnisse aus den zuerst gezählten Wahlkreisen vorgelesen, in denen die LDP zumeist mit einem Vielfachen der Stimmenzahl vor dem zweitplazierten Oppositionskandidaten gewinnt. Das prägt sich ein: Als habe die Gegenpartei nicht die Spur einer Chance. Spannender wird es erst gegen Mitternacht, wenn keiner mehr zuschaut: Dann treffen die Ergebnisse der von der Stimmenzahl her größeren Wahlkreise aus Tokio und Osaka ein. Hier ist auch gestern jedes Resultat hart umkämpft, und man könnte plötzlich wieder denken, dass Demokratie in Japan funktioniert. Doch wie sagte noch der holländische Japan-Kenner Karel van Wolferen: "Die Demokratie ist in Japan bis heute nicht Wirklichkeit. Sie existiert nur als Möglichkeit".Gestern zählt die LDP am Ende 237 und die Demokratische Partei als größte Kraft der Opposition 177 Sitze. So harrt Japan auch nach 47 Jahren LDP-Regierung in Folge - unterbrochen nur durch ein elfmonatiges Interregnum der Opposition in den Jahren 1993/94 – seiner ungenutzten demokratischen Möglichkeiten.