Bei aller Unübersichtlichkeit der Themen, die auf den über fünfhundert Podien und Workshops des Europäischen Sozialforums diese Woche in Paris behandelt werden, sticht eine Generaldebatte deutlich heraus. Es ist die Ablehnung der europäischen Integration nach Brüsseler Muster und der Kampf gegen die neue EU-Verfassung. Anders als auf den globalisierungskritischen Weltforen im brasilianischen Porto Alegre hat sich das Gesichtsfeld der in Paris auftretenden Nichtregierungs-Organisationen und freischwebenden Altermondialisten stark eingeschränkt. Ihr Leitmotiv "Sozialabbau in Europa" prangert den neoliberalen Sündenfall an, den die EU-Kommission mit der weiteren Öffnung des Binnenmarktes, der Angleichung von Handelsregeln, aber vor allem der Reduktion von Staatsinterventionen und öffentlichen Ausgaben betreibe.Einer der erbittertsten Gegner der heutigen EU ist Jacques Nikonoff, Präsident von Attac in Frankreich. "Brüssel ist europafeindlich und zu stark von den Vorgaben aus den USA abhängig", konstatiert der Kommunist und Wirtschaftsprofessor, in dessen Büro ein EU-Werbeplakat mit den Bildern von Romano Prodi und seinen 19 Kommissaren hängt. Er fordert die Wiederbesinnung auf die europäische Idee vom Wohlfahrtsstaat, wie sie in den "Trente Glorieuses", den Wirtschaftswunderjahren nach dem Zweiten Weltkrieg, für Arbeit und Wohlstand gesorgt habe.Während dieser Zeit, so erklärt Nikonoff, hätten die Regierungen mit den Mitteln der Staatsverschuldung und Inflation die Nachfrage der Arbeitnehmer gestärkt, während die Inhaber von Aktien und Rentenpapieren nur geringe Renditen erzielen konnten. Heute dagegen habe der Internationale Währungsfonds mit seiner "anti-inflationistischen Obsession" nur noch die Geldstabilität und Lukrativität von Finanzwerten im Auge, während die Nachfrageschwäche der Haushalte zu Rezession und Massenarbeitslosigkeit führe."Wir sind heute alle Zeugen, welche brillanten Resultate diese neoliberale Politik hat: halbierte Wachstumsraten weltweit, eine Milliarde Arbeitslose, der Konkurs Argentiniens (das einst der beste Schüler des Währungsfonds war), dazu die Kurstürze an den Börsen und überall die größte Vertrauenskrise in der Geschichte des Kapitalismus." Man müsse von der Illusion wegkommen, fordert der Attac-Präsident, dass die Börse Werte schafft und statt dessen wieder die Arbeit zum wichtigsten Wachstumsfaktor machen. "Wir brauchen einen globalen Marshall-Plan, vor allem für die armen Länder."Mit solchen Thesen, die Nikonoff jüngst in der Pariser Wirtschaftszeitung "Les Echos" formulierte, findet er bei den Attac-Anhängern und den übrigen Globalisierungskritikern großes Gehör. Dabei mutiert die unorganisierte Linke allerdings unbemerkt zu Verfechtern des Nationalstaats, der als zentrales Bollwerk gegen Europäisierung und Liberalisierung dienen soll.Frankreichs prominenteste Protestfigur José Bové von der Bauerngewerkschaft "Confédération paysanne", der gerade eine sechsmonatige Haftstrafe wegen Verwüstung eines Feldes mit Gen-Pflanzen absolviert hat, treibt die Europa-Kritik sogar auf die Spitze. "Die neue EU-Verfassung ist unannehmbar," schimpfte er jüngst während einer Diskussion mit dem grünen Europa-Abgeordneten Daniel Cohn-Bendit, dem vor so viel Europa-Feindseligkeit ganz mulmig wurde. Doch Cohn-Bendit, der für die neue Verfassung als realistischen Kompromiss wirbt, ohne den Europa "wieder zum alten Egoismus zurückkehrt", kann nicht einmal seine französischen Parteifreunde umstimmen. Der grüne Nationalsekretär Gilles Lemaire stimmte rechtzeitig zum Pariser Sozialgipfel seine Mitstreiter auf Europa-Skepsis ein: Er plädiert dafür, über die Verfassung in einem Referendum entscheiden zu lassen – was als sicheres Instrument gilt, sie durchfallen zu lassen.So zieht sich die Europa-Kritik als roter Faden durch die viertägige Großveranstaltung, die die EU als Agenten einer Art Mini-Globalisierung brandmarkt. Von Brüssels erbittertem Kampf um das so genannte "europäische Sozialmodell", für das die EU-Kommissare regelmäßig von den wirklich scharfen Neoliberalen geprügelt werden, will man im Lager der Altermondialisten wenig wissen. Ob sie angesichts dieser Fehldiagnose noch Energien für die ursprünglichen Kernthemen der Globalisierungskritik übrig haben werden, muss bezweifelt werden.