Olympische Spiele 2012 in Deutschland? Nie ist dieses Ziel weiter entfernt gewesen als heute, da der Olympia-Kandidat Leipzig in Stasi-Geschichten und anrüchigen Geschäften verwickelt ist. Der deutsche Bewerber liegt erschöpft am Boden, bevor der internationale Wettlauf um den Austragungsort der Spiele richtig begonnen hat (siehe auch S. 6).

Wegen dubioser Provisionen, von der Stadt mit Billigung ihres Olympia-Beauftragten Burkhard Jung an eine private Beratungsfirma gezahlt, musste dieser zurücktreten. Kurz vorher hatte der Oberbürgermeister, der Sozialdemokrat Wolfgang Tiefensee, noch beteuert, sein Vertrauter habe keinen Fehler gemacht. Suspendiert wurde zuvor schon der Geschäftsführer der Leipziger Olympia GmbH, Dirk Thärichen, als herauskam, dass er im Stasi-Wachregiment Feliks Dzierzynski gedient hatte. Auch er soll in Provisionsgeschäfte verstrickt gewesen sein. Schließlich wurde der Olympia-Staatssekretär Wolfram Köhler in den Ruhestand versetzt, wegen Vetternwirtschaft. Es ging zu wie in ärgsten Treuhand-Zeiten.

Allzu lange glaubte der Leipziger Oberbürgermeister, die Schmierenkomödie durch Hinhalten aus der Welt schaffen zu können – ganz so, als werde das Internationale Olympische Komitee (IOC), das im Jahr 2005 den Ort der Spiele bestimmen wird, die jüngsten Schlagzeilen ignorieren.

Selbst das Nationale Olympische Komitee (NOK), das sich im April für Leipzig entschieden hatte, glaubt nicht mehr daran, dass die Stadt aus eigener Kraft einen überzeugenden Auftritt hinbekommt. Das NOK-Präsidium wartet nur auf einen flehenden Anruf aus Leipzig, um den Sachsen die Regie über die Bewerbung aus der Hand zu nehmen und an die Bundesregierung weiterzureichen, samt Spesenrechnung.

Auf eine andere Stadt kann das deutsche Sportkomitee jetzt nicht mehr umschwenken, es kann nur die Kandidatur zurückziehen. Als Totengräber will sich das NOK nicht betätigen. Also muss Leipzig durchhalten, koste es, was es wolle. Schon deshalb, weil Deutschlands mächtigste Sportfunktionäre nicht zugeben wollen, einen gravierenden Fehler gemacht zu haben – den Fehler, Leipzig überhaupt ins Rennen geschickt zu haben. Wider besseres Wissen.

Eine charmante Stadt, eine helle Stimme des Ostens. Mit dieser Botschaft trat Leipzig an, OB Tiefensee spielte vor dem Wahlvolk auf seinem Cello, sichtlich bewegte Olympia-Funktionäre wischten Tränen weg, und am Ende siegte das Gefühl über die Vernunft. Leipzig jubelte, und der Westen glaubte, einen ideellen Solidarbeitrag Ost geleistet zu haben.

Monatelang hatten Fachleute des NOK an einem Evaluationsbericht gearbeitet, die Bewerberstädte ausgiebig auf ihre Eignung hin geprüft und am Ende den Kandidaten Hamburg auf den ersten Platz gehoben. Die Wahlleute jedoch setzten sich darüber hinweg, nachdem sich Hamburg mit dem Konkurrenten Nordrhein-Westfalen in den Wochen zuvor eine Schlammschlacht geliefert hatte. Als in der letzten Wahlrunde nur noch Hamburg und Leipzig übrig blieben, stimmten die ausschlaggebenden Funktionäre aus Nordrhein-Westfalen fast geschlossen für Leipzig – aus Rache an Hamburg, wie die Stammeskrieger aus den Westkurven ihrer Ruhrpott-Stadien. Jetzt lachen die anderen über Leipzig. Es zeigt sich, dass die kleine Stadt überfordert ist mit den großen Spielen und ganz Deutschland dem Verdacht aussetzt, nicht einmal eine Olympia-Bewerbung hinzukriegen.

Die sächsische Filzokratie