Ein Comeback des Antisemitismus in Deutschland? Dazu drei gute Nachrichten und eine schlechte. Die erste: Die Reaktionen von CDU, Regierung und Medien auf die Affäre Hohmann/Günzel zeigen, dass das A-Wort auch im Jahr 58 n. H. zumindest die richtigen Reflexe auslöst. Die Union will den hessischen Hinterbänkler aus der Bundestagsfraktion und der Partei entfernen. Seinen General Günzel, der dem Amateur-Historiker bescheinigt hatte, er spreche für die "Mehrheit des deutschen Volkes", hat der Verteidigungsminister alsgleich geschasst.

Die Medien links wie rechts haben erkannt, dass es Hohmann nicht um Geschichtsunterricht, sondern um Geschichtsverdrehung ging. Die funktioniert so: Weil Juden wie Trotzki in der Oktoberrevolution und deren Terror eine so prominente Rolle gespielt haben, dürfe man sie getrost als "Tätervolk" brandmarken. Das war Antisemitismus pur – die Juden als Weltmacht des Bösen. Solchem Antisemitismus ist auch mit dem Hinweis nicht zu helfen, dass Stalin im Laufe seiner Karriere fast alle Juden in seiner politischen Umgebung entweder vertrieb oder (wie Trotzki) ermorden ließ. Henryk Broder hat im Spiegel zu Hohmann alles gesagt, was zu sagen ist: "Nie käme er auf den Gedanken, die Georgier als ,Tätervolk‘ zu bezeichnen, obwohl Stalin ein Georgier war und viele Freunde und Verwandte in wichtige Positionen brachte." Keinem Vernünftigen würde es einfallen, die Araber als Terroristenvolk abzustempeln, weil so viele Terroristen Araber sind.

Wie man Schuld loswird

Die zweite gute Nachricht ist, dass der nachweisbare Antisemitismus in Deutschland kein Angstgegner mehr ist; im westeuropäischen Vergleich ist er sozusagen "normal". Eine klassische Messlatte: Als Nachbarn sind Juden im Vergleich zu Arabern und Afrikanern geradezu willkommen, wollen doch nur 17 Prozent aller Deutschen keinen solchen im Haus haben, derweil Afrikaner von 26, Araber von 43 Prozent abgelehnt werden. Rassismus hat heute neue Adressaten in Deutschland.

Haben die Juden zu viel Einfluss auf die öffentliche Meinung? Mehr als die Hälfte sagt "nein", 21Prozent fällt dazu nichts ein. Antijüdische Meinung schon mal gehört? Acht von zehn antworten mit "nein" oder "weiß nicht". Die Erinnerung an den Holocaust wach halten? Das bejahen fast 60 Prozent. Das Mahnmal in Berlin? Dagegen sind 27 Prozent, dafür knapp 50. Kann man aus diesen Daten, die das American Jewish Committee vor Jahresfrist erhoben hat, Anti-Judaismus herauslesen? Man müsste sich schon ein wenig quälen. Schließlich die dritte gute Nachricht: Der althergebrachte Antisemitismus ist ein Feuer, das niedergebrannt ist. Die klassische Variante, das waren die Pogrome von Worms und Kischinew, Ausgrenzung und Vertreibung, die Spanien und England "judenrein" gemacht hatten, schließlich der Holocaust des 20. Jahrhunderts. Der Sturz des Michel Friedman war kein Fall von Antisemitismus, sondern von "Anders leben als reden", der jedem Christenkind widerfahren könnte.

Die weniger gute Nachricht besteht aus einem sehr deutschen Teil und einem Phänomen, das sich inzwischen quer durch die Welt frisst. Der deutsche Teil: Die Affäre Hohmann steht für ein schon jahrzehntealtes Symptom. Das Motiv ist nicht Judenhass, sondern Entschuldung. Der israelische Psychoanalytiker Zvi Rex hatte einst gewitzelt: "Die Deutschen werden den Juden Auschwitz nie verzeihen." Damit wollte er sagen, die Juden seien lebende Denkmäler deutscher Schuld. Und Schuldgefühle wird man am besten los, indem man das eigene schlechte Gewissen auf andere projiziert: Die Juden sind an ihrem eigenen Unglück und dem anderer schuld. Auf nichts anderes läuft Hohmanns Rede vom "Tätervolk" hinaus. Sind sie’s, dann stehen die Deutschen nicht mehr ganz so befleckt in der Weltgeschichte herum.

Solche Projektionen hören aber nicht bei den Juden Europas auf, sondern reichen seit mindestens einem Vierteljahrhundert bis nach Israel. Wir wollen hier nicht über Kritik rechten: an der Besatzung, dem Zaun, den zivilen "Nebenschäden" des Anti-Terror-Krieges – alles legitime Einwände. In den tieferen Schichten der Israel-Kritik tauchen aber hässliche alte Bekannte auf, die ihre Verwandtschaft mit dem klassischen Antisemitismus – Stereotypisierung, Dämonisierung, Denunzierung – nicht verleugnen können.

Was ist der Unterschied? Vorweg: In Deutschland gibt es nur noch zwei Tabus, Judenhass und Kinderschändung. Was aber unterdrückt wird, drängt irgendwann wieder nach oben, etwa in der beliebten Formel: "Das wird man doch wohl mal sagen dürfen." Deshalb ist Israel-Kritik nicht immer bloß Kritik. Nehmen wir einen Satz wie: "Wer nur Bomben, aber keinen Staat offeriert, wird den Terror nie beenden." Solche Kritik ist nicht nur legitim, sondern auch richtig. Wird den Israelis indes unterstellt, dass sie "wie Nazis" auftreten (ein vertrauter Topos, links wie rechts) oder einen "Vernichtungsfeldzug" (Norbert Blüm) gegen die Palästinenser führen, dann geht es nicht um Gerechtigkeit, sondern um Entschuldung à la Hohmann: Seht her, die Nachfahren unserer Opfer sind so gemein wie unsere Vorväter. Wenn die sich so aufführen, waren die Deutschen nicht die einzigen Menschheitsverbrecher. Wiegen wir also auf, und rechnen wir ab, auf jeden Fall dürfen Juden nicht mehr mit dem Finger auf uns zeigen.