Seit vierzig Jahren ist es die selbe Prozedur. Fünf Herren (eine Dame hatte noch nie die Ehre) versammeln sich im Spätherbst beim Bundeskanzler, dem der Vorsitzende der gelehrten Runde einen dicken Schmöker überreicht. Darauf steht als Autorenzeile „Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Lage“ und darunter - fett gedruckt - ein Motto, so etwa in diesem Jahr: „Staatsfinanzen konsolidieren – Steuersystem reformieren“. Der Schwerpunkt des Jahresgutachtens wechselt von Jahr zu Jahr, je nach politischer Aktualität und wirtschaftlicher Lage. Und in den Medien heißt es dann, wie auch jetzt wieder stets respektvoll: Die Fünf Weisen haben ihr Jahresgutachten überreicht.

Der Sinn dieser Tradition erschließt sich relativ leicht: Die Regierung soll den Sachverstand der Wirtschaftswissenschaftler nutzen. So steht es im Gesetz, mit dem der Sachverständigenrat begründet wurde. Das ist klassische Politikberatung, deshalb finanziert auch die Bundesregierung die Arbeit des Gremiums. Paradox ist dabei, dass es dem Rat eigentlich verboten ist, Empfehlungen für bestimmte wirtschafts- und sozialpolitische Maßnahmen auszusprechen. Doch die Ratgeber halten sich ganz einfach nicht daran und liefern neben Analyse und Prognose auch Empfehlungen – siehe das jeweilige Motto auf dem Deckel des Gutachtens.

Die Frage ist, wie ernst der Rat der Weisen bei aller zur Schau gestellten Ernsthaftigkeit überhaupt genommen wird. Die Öffentlichkeit registriert eigentlich nur die Wachstumsprognose. Gerade in Zeiten schlechter Konjunktur gelten die Voraussagen des Rats immer als zuverlässiger Hinweis auf die Entwicklung. Das jetzt errechnete Wachstum der deutschen Wirtschaft für 2004 von bis zu 1,7 Prozent ist so etwas wie eine Richtschnur für die Debatte der künftigen Monate. Auch die Sachverständigen haben sich häufig vertan bei ihrer Vorausschau, aber die geballte Kompetenz von fünf Professoren und ihrem Stab von Zuarbeitern macht eben den Eindruck von Seriosität und Zuverlässigkeit.

Und die Regierung, der eigentliche Adressat des Jahresgutachtens? Die pickt sich meist das heraus, was ihr ins Konzept passt, und übergeht mit Schweigen Kritik und Mängelrügen. Immerhin konnte der Rat diesmal sehr selbstbewusst auftreten. Denn vor einem Jahr hatte er ein Programm für Beschäftigung und Wachstum in zwanzig Punkten formuliert, von dem die Bundesregierung eine ganze Menge in ihre Agenda 2010 übernahm. Daraus wiederum wurden – zur großen Freude des Rats – Gesetzestexte. Wie weit sie letztlich zu rechtskräftigen Gesetzen werden, ist noch offen. Und welche Empfehlungen zum Steuersystem aus dem jüngsten Gutachten umgesetzt werden, steht noch in den Sternen. Aber am guten Rat wird es nicht fehlen – ganz wie das Gesetz es befahl.