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Am 21. November 1803, einem trüben, nebligen Herbsttag, schlägt in Mainz die letzte Stunde des Räuberhauptmanns Johannes Bückler, genannt Schinderhannes. Schon in den frühen Morgenstunden sind Tausende Schaulustige zum Richtplatz geströmt, auf dem, leicht erhöht und von Soldaten abgeschirmt, eine rot angestrichene Guillotine steht. Stundenlang harrt die Menge aus. Endlich, gegen zwölf Uhr, erklingt ein Trommelschlag, und der Ruf pflanzt sich fort: "Sie kommen, sie kommen!" Ein Zug nähert sich, an der Spitze ein Kommando Gendarmen und eine Abteilung Infanterie, dahinter fünf Leiterwagen, auf denen die Verurteilten sitzen, Bückler und 19 seiner Kumpane, bekleidet mit roten und weißen Hemden und begleitet von Geistlichen, die ihnen Trost spenden.

Schinderhannes springt als Erster vom Wagen und besteigt beherzten Schrittes das Schafott. Einen kurzen Augenblick betrachtet er die Guillotine, dann sagt er: "Ich sterbe willig, ich habe den Tod verdient, aber von diesen", dabei weist er auf seine Spießgesellen, "sterben wenigstens zehn unschuldig." Er wird auf das Brett geschnallt, unter das Beil geschoben – und mit ringsum widerhallendem Schlag trennt das zentnerschwere Messer den Kopf vom Rumpf. In rascher Folge werden auch die übrigen 19 hingerichtet; die ganze Prozedur dauert nicht einmal 20 Minuten. "Über der zahllosen Menge der Zuschauer lag eine düstere Stille", berichtet ein Augenzeuge. "Nur als der Kopf von Schinderhannes fiel, hörte man ein dumpfes ,Hah!‘."

Es war eine große Zeit der Räuber, Gauner und Diebe. Die Kriege der Alten Mächte gegen das revolutionäre Frankreich seit 1792 hatten weite Landstriche verwüstet; die öffentliche Ordnung brach vielerorts zusammen. Besonders im Rheinland, der umkämpften Grenzregion, trieben Räuberbanden ihr Unwesen, allen voran die Große Niederländische Bande, die das ganze Gebiet bis hinab nach Mainz unsicher machte. Schinderhannes und seine Leute, deren Raubzüge sich auf den Hunsrück beschränkten, waren demgegenüber eher unbedeutend. Und doch wurde ihr Anführer populärer als jeder andere Räuber seiner Zeit. Über ihn kursierten bereits zu Lebzeiten zahlreiche Geschichten. In seinen Memoiren Vierzig Jahre aus dem Leben eines Toten berichtet der deutsche Abenteurer Johann Conrad Friederich (1789 bis 1858), wie er als Junge "so viele seltsame Dinge von diesem Schinderhannes" gehört hatte, "daß ich mir ein großes Genie, einen wahren Wundermann unter demselben dachte". Auf dem Schiff, auf dem er von Frankfurt nach Mainz reiste, um bei der Hinrichtung dabei zu sein, war "fast nur von dem berühmten Räuberhauptmann und seiner Bande die Rede", von denen man sich "die wunderlichsten Abenteuer und Anekdoten, wahr oder erfunden, erzählte".

Für die oft schwärmerische Verehrung hatten einige literarische Figuren das Terrain bereitet – angefangen bei Karl Moor in Friedrich Schillers furiosem Debüt Die Räuber (1781) bis hin zu Rinaldo Rinaldini (1799), dem Romanbestseller des Goethe-Schwagers Christian August Vulpius. Schinderhannes war wie kein anderer geeignet, den derart angeregten Fantasien als Projektionsfläche zu dienen. Er umgab sich mit der Aura des Geheimnisvollen, trat in wechselnder Kostümierung auf und hatte allerlei Liebschaften. Er schien gleichzeitig allgegenwärtig und doch für die Häscher nicht greifbar zu sein, weshalb der Aberglaube aufkam, er könne sich unsichtbar machen. In den Verhören gab er gern den Anwalt der Bedrückten und Erniedrigten. Auch diese Selbststilisierungen trugen dazu bei, dass manche Abschnitte seiner Biografie bis heute im Ungewissen blieben.

Sein erstes Mordopfer schlägt er mit dem Knüppel tot

Das gilt besonders für die frühen Jahre. In seinen gerade erschienenen Bänden Schinderhannes-Chronik und Schinderhannes-Ortslexikon (Verlag Ernst Probst, Mainz; zus. 496 S., 52,– Euro) ist Peter Bayerlein, der beste Kenner, allen Spuren nachgegangen. Doch auch er muss einräumen, dass Kindheit und Jugend Bücklers "trotz jahrzehntelanger intensiver Forschung noch immer weitgehend im Dunkeln" liegen. So gibt es allein über das Geburtsjahr drei verschiedene Versionen: 1777, 1779/80 und 1783. Vieles spricht dafür, dass er am 24. Oktober 1777 in Miehlen im Hintertaunus geboren wurde, und zwar als ältester Sohn des Johann Bückler. Dessen Vater war ein Wasenmeister gewesen, auch Abdecker oder Schinder genannt (daher der Name Schinderhannes) – ein Gewerbe, das als "unehrlich" galt, obwohl die Ausschlachtung und Beseitigung von Tierkadavern durchaus eine nützliche Arbeit war. Man hat, um die spätere Karriere des Schinderhannes zu erklären, gern auf die soziale Deklassierung verwiesen, die mit dem Abdeckerberuf verbunden war. Tatsächlich jedoch war Schinderhannes’ Vater dem Gewerbe des Großvaters untreu geworden und hatte – nach der Heirat mit Anna Maria Schmidt, einer Bauerntochter aus Miehlen – im Juli 1777 einen kleinen Hof bewirtschaftet. Dabei war er wohl nicht sehr erfolgreich gewesen, denn Ende 1783 ließ sich Johann Bückler senior als Söldner im Heer der Österreicher anwerben. Seine Frau und die rasch anwachsende Kinderschar folgten ihm auf allen Stationen, von Olmütz bis Brünn. Es war ein unstetes Leben in der rauen Luft der Garnisonsstädte.

1787 desertierte er und kehrte mit seiner Familie in die alte Heimat zurück, wo er zumeist als Tagelöhner arbeitete. Sein ältester Sohn ging für einige Zeit zur Schule und lernte ein wenig Lesen und Schreiben – eine Fertigkeit, mit der er sich später im Kreis seiner Kumpane hervortun konnte. Mit 16 Jahren trat er als Abdeckerknecht in die Dienste des Scharfrichters Nagel in Bärenbach. Doch schon bald geriet er mit seinem Lehrherrn aneinander, weil er einige Viehhäute von dessen Dachboden entwendet hatte. Nagel zeigte den Diebstahl an, und sein Knecht wurde zu 25 Stockhieben verurteilt. Später hat Schinderhannes bekannt, dass die öffentlich vollzogene Prügelstrafe "ihn tief geschmerzt, aber auch für sein ganzes zukünftiges Leben entschieden habe".

Seit diesem Vorfall geriet er immer weiter auf die schiefe Bahn. Gemeinsam mit einem anderen Knecht begann er, Schafe zu stehlen und an einen Metzger zu verkaufen. Bald wurden auch diese Diebstähle entdeckt; Schinderhannes wurde verhaftet und ins Gefängnis von Kirn gesteckt, aus dem er bereits einen Tag später floh. Der erste Steckbrief des "kürzlich aus dem Gefängnis entwichenen Johannes Pückler" datiert vom 14. Dezember 1796. Bald nach seiner Flucht unternahm Schinderhannes die ersten Einbrüche auf eigene Faust: Anfang Januar 1797 stieg er ins Haus eines Gerbermeisters in Meisenheim am Glan ein und stahl einen Teil der Ledervorräte. Am nächsten Tag bot er demselben Gerber die gestohlene Ware wieder zum Verkauf an – ein dreistes Bubenstück, dessen er sich immer gern rühmte. Nur wenige Wochen später drang er eines Nachts in die Tuchfabrik der Gebrüder Stumm in Birkenfeld ein und entwendete mehrere Stoffballen. Stolz berichtete er später, dass direkt neben dem Magazin ein Mann am Schreibpult gesessen habe, ohne etwas zu bemerken.

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Mit diesen beiden Taten war Schinderhannes im Milieu der Gauner und Hehler eingeführt. Im Frühjahr 1797 schloss er sich der Hunsrück-Bande an, einer Rotte berüchtigter Pferdediebe. Ihr Anführer, Philipp Mosebach, lehrte den noch nicht Zwanzigjährigen, wie man einen Raubzug richtig vorbereitet, wo man die Beute verkaufen und in welchen Schlupfwinkeln man sich verbergen konnte. Das Unternehmen war lukrativ, denn wegen der Requirierungen durch französische Truppen herrschte im Hunsrück ein großer Pferdemangel. Lachend gestand Schinderhannes später, er habe in jenen Monaten so viele Pferde gestohlen, dass man damit eine ganze Reiterschwadron hätte ausrüsten können. Dass er dadurch vor allem den kleinen Bauern schadete, scheint ihn nicht bekümmert zu haben.

Kurz vor Weihnachten 1797, am 22. Dezember, ereignete sich auf dem Baldenauer Hof bei Hundheim ein Zwischenfall, der Bückler endgültig die Rückkehr ins bürgerliche Leben verbauen sollte. Gemeinsam mit drei seiner Komplizen, unter ihnen Jakob Fink (der "Rote Fink"), beging er seinen ersten Mord. Das Opfer hieß Niklas Rauschenberger – selber ein Krimineller, ein wüster Geselle, der tags zuvor in das Haus der Elisabeth Schäfer in Schneppenbach eingedrungen war. Er hatte ihre Tochter, der auch Schinderhannes gewogen war, bedrängt und schließlich allerlei Kleidungsstücke mitgenommen. Schinderhannes schwor Rache, und als sie den Gesuchten aufgespürt hatten, prügelten sie ihn mit dicken Knüppeln zu Tode. Dabei soll Bückler am Ende noch auf dem Sterbenden "herumgesprungen" sein – eine Tat von äußerster Brutalität. Ihr schloss sich im Januar 1798 der erste bewaffnete Raubüberfall auf eine Ziegelhütte unweit von Spall im Soonwald an. Deren Besitzer, Johann Schmitt, wurde so schwer gefoltert, dass er zwei Jahre später an den Verletzungen starb.

Im Frühjahr 1798, nach dem Friedensschluss von Campo Formio (der 1801 im Vertrag von Lunéville offiziell bestätigt wurde), hatte das in Paris regierende Direktorium den Anschluss der linksrheinischen Gebiete an die Französische Republik verkündet und mit dem Aufbau einer zivilen Verwaltung begonnen. Parallel dazu wurde eine Gendarmerie nach französischem Vorbild ins Leben gerufen, die dem Bandenunwesen ein Ende bereiten sollte. Zunächst freilich zeigten die Maßnahmen wenig Wirkung. Die Räuber fühlten sich noch ziemlich sicher, und Schinderhannes machte es Spaß, sich immer wieder öffentlich auf Tanzböden zu zeigen und mit den hübschesten Mädchen zu schäkern. Im Juli 1798 gelang es jedoch einer Streife, ihn und seinen Begleiter, Peter Petri (genannt "Schwarzer Peter"), in der Weidener Mühle zu ergreifen. Er wurde ins Gefängnis nach Saarbrücken transportiert, wo bereits Jakob Fink einsaß. Beide konnten in der ersten Nacht die Gitterstäbe vor ihrem Fenster durchsägen und entkommen.

Im August 1798 verübte Bückler seinen zweiten Mord. Gemeinsam mit dem Schwarzen Peter überfiel er im Thiergarten auf einer Passhöhe im Soonwald den jüdischen Viehhändler Simon Seligmann. Die beiden Räuber schlugen so lange auf ihn ein, bis er tot war, und beraubten ihn all seiner Habe. Der Schwarze Peter wurde im September verhaftet; Schinderhannes konnte erst im Februar 1799 gefasst werden. In den Verhören gab er die Diebstähle bereitwillig zu, suchte aber die beiden Morde seinen Komplizen zuzuschieben. Der Kirner Friedensrichter, Franz Joseph Reichensperger, schenkte ihm keinen Glauben und ließ ihn in das Gefängnis von Simmern überstellen, das als ausbruchssicher galt. Hier, in einem sechs Meter tiefen, feuchten Verlies unter dem alten Wehrturm, blieb der Gefangene, des Nachts an Ketten gefesselt, für ein halbes Jahr eingekerkert. Dass ihm schließlich am 20. August 1799 auf abenteuerliche Weise doch die Flucht gelang, sollte seinen Ruhm nicht nur unter seinen Spießgesellen außerordentlich steigern.

Erst jetzt begann seine eigentliche Karriere als Bandenchef. Nachdem er sich von den Folgen der Haft erholt hatte, scharte er eine Gruppe alter Komplizen um sich. Erstmals unter seinem Kommando drang die Bande Ende November 1799 in das Geschäft einer Witwe in Offenbach am Glan ein und räumte fast den ganzen Laden aus. Da der Pferdediebstahl inzwischen nicht mehr genug einbrachte, verlegten sich Schinderhannes und seine Mannen darauf, Reisende auf offener Straße zu überfallen. Zu den spektakulärsten Aktionen dieser Art zählte der Überfall auf eine Kutsche in der Nähe von Waldböckelheim Anfang Januar 1800, in der unter anderem die Brüder Reinach aus einer der reichsten jüdischen Mainzer Kaufmannsfamilien saßen. Entsprechend hoch fiel die Beute aus: 560 Gulden, dazu noch zahlreiche Wertsachen. Von nun an richtete Schinderhannes sein Augenmerk vor allem auf jüdische Kaufleute und Händler. Er empfand selbst keine Abneigung gegen Juden – in der Niederländischen Bande hatte er zeitweilig mit ihnen zusammengearbeitet. Aber er wusste, dass bei jüdischen Händlern viel zu holen war, und ihm war auch bewusst, dass solche Überfälle von den judenfeindlich gesinnten Teilen der Landbevölkerung insgeheim gebilligt wurden.

Curd Jürgens und Maria Schell weben am Mythos

Mittlerweile fühlte sich Schinderhannes so stark, dass er nicht nur Reisende beraubte, sondern mit seiner Bande in Dörfer eindrang, um dort Höfe auszuplündern. Bei einem dieser Angriffe, in Otzweiler in der Nacht vom 8. auf den 9. Januar 1800, wurde der Bauer Peter Riegel durch einen Schuss in den Unterleib getötet. Und die Bande mordete weiter. Ende März 1800 wurde der Händler Samuel Ely durch mehrere Schüsse so schwer verletzt, dass er einige Wochen später starb. Warum, gab Schinderhannes später ungerührt zu Protokoll, musste er ihnen auch nachlaufen und schreien: "Ihr Spitzbuben, gebt mir mein Geld wieder her!"

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Ihren erfolgreichsten Raubzug unternahm die Bande am 12. August 1800 in Hottenbach, als sie das Haus eines jüdischen Stoffhändlers stürmte und eine Beute im Wert von 4500 Gulden machte. Schinderhannes befand sich damit auf dem Gipfel seines zweifelhaften Ruhms. Und es war kein Zufall, dass er sich im selben Monat entschloss zu heiraten: Die Auserwählte hieß Julia Bläsius, Tochter eines Musikanten, den sie auf Märkten und Kirchweihen als Bänkelsängerin begleitete. Der einzige Sohn, der aus der Verbindung des Räuberpärchens hervorging, wurde im Oktober 1802 im Mainzer Gefängnis geboren. (Er wurde nach Bücklers Tod anderen Eltern gegeben; Julia selber heiratete später erneut, und sollte ihren ersten Mann um fast fünfzig Jahre überleben).

So gefürchtet der Räuberhauptmann mittlerweile war – seine Bande blieb immer relativ klein. In der Regel begleiteten ihn bei seinen Raubzügen nicht mehr als vier seiner Kumpane, und nur bei größeren Unternehmungen rekrutierte er noch weitere Kräfte. Um den fluktuierenden Kern herum bildete sich jedoch ein Kreis von Helfern, die Fährdienste leisteten, für sichere Unterkünfte sorgten und das Diebesgut weiterverkauften. Noch glaubte Schinderhannes, dass ihm die Vertreter der Staatsgewalt wenig anhaben konnten. Durch eigenhändig verfasste Erpresserbriefe, unterschrieben "Johannes durch den Wald", forderte er Schutzgelder ein. Kamen die Angeschriebenen der Aufforderung nicht nach, mussten sie mit einem Überfall rechnen.

Doch seit Ende 1800 begannen die Maßnahmen der Polizei zu wirken. Dorfbewohner schöpften Mut und organisierten Widerstand. In immer kürzeren Abständen musste Schinderhannes ins Rechtsrheinische fliehen, um sich den Verfolgern zu entziehen. Nachdem bei einem Überfall Anfang September 1801 ein weiterer jüdischer Händler, Mendel Löw, erschossen worden war, verstärkte die Obrigkeit die Fahndung. Im Dezember 1801 setzte sie eine Sonderkommission zur Bekämpfung der Bandenkriminalität ein, und am 11. Mai 1802 erließ sie einen Steckbrief gegen den "berüchtigten Räuber Johannes Bückler, genannt Schinderhannes".

Einen Tag später forderte der nicht minder berüchtigte französische Polizeiminister Joseph Fouché die Länder auf der rechten Rheinseite auf, gemeinsam gegen den Räuberhauptmann vorzugehen. Der suchte als fahrender Händler unter dem Namen Jakob Ofenloch zu entkommen, fiel zweimal einer Streife in die Hände, ohne erkannt zu werden, wurde aber schließlich im Juni 1802, als er sich in Limburg an der Lahn als Soldat anwerben lassen wollte, von einem ehemaligen Komplizen identifiziert. Man brachte ihn nach Frankfurt und lieferte ihn an die französischen Behörden aus.

Ein drei viertel Jahr, vom 19. Juni 1802 bis 18. März 1803, wurde Schinderhannes in Mainz vernommen. Dabei erwies er sich als erstaunlich redselig. Nicht nur verblüffte er die Untersuchungsrichter durch sein phänomenales Gedächtnis, was seine Raubtaten betraf; er nannte ohne Zögern auch die Namen derer, die daran beteiligt gewesen waren, sodass die Zahl der Mitangeklagten schließlich auf 67 anwuchs. Zweifellos hoffte Bückler, durch sein Geständnis vom Ersten Konsul in Paris, Napoleon Bonaparte, begnadigt zu werden. Immer wieder beteuerte er, dass man ihm "doch keine Grausamkeit" vorwerfen könne: "Wenn meine Mitschuldigen deren begangen haben, so tat ich alles, was von mir abhing, um sie davon abzuhalten."

Nach Abschluss der Voruntersuchung vergingen weitere sieben Monate, bevor am 24.Oktober 1803 der Prozess eröffnet werden konnte. Den Vorsitz führte der als republikanischer Publizist bekannt gewordene Jurist und damalige Präsident des Mainzer Kriminalgerichts, Georg Friedrich Rebmann. Die Verhandlung fand im Akademiesaal des ehemals Kurfürstlichen Schlosses statt – dort, wo zehn Jahre zuvor, 1792/93, der örtliche Jakobinerklub getagt und die kurzlebige Mainzer Republik, die erste Republik auf deutschem Boden, vorbereitet hatte.

Das Interesse des Publikums war außerordentlich, man riss sich um die Eintrittskarten, und Schinderhannes enttäuschte die Erwartungen nicht. Erhobenen Hauptes betrat er den Gerichtssaal, "wandelte so flüchtig und heiter dahin, als wenn es zum Tanze gehe". Diese Rolle hielt er bis zum Ende durch, und auch das Todesurteil am 20. November nahm er gefasst auf.

"Bückler war tot, doch nicht der Schinderhannes", so lässt Gerd Fuchs seinen Roman Schinderhannes von 1986 (gerade neu aufgelegt in der Hamburger Edition Nautilus) enden. Tatsächlich lebte Schinderhannes nach seiner Hinrichtung fort, und zwar nicht als der, der er gewesen war, sondern wie man sich ihn imaginierte: als ein Robin Hood des Hunsrück, der den Reichen genommen hatte, um den Armen zu geben. So beschrieb ihn bereits der anonyme Autor der Kriminalgeschichte voller Abenteuer und Wunder und doch streng der Wahrheit getreu , die 1802 erschien. Vergeblich versuchte Johann Nicolaus Becker, der bei der Verhaftung der Schinderhannes-Bande mitgewirkt hatte, in seiner Aktenmäßigen Geschichte der Räuberbanden an den beiden Ufern des Rheins von 1804, der Legendenbildung entgegenzutreten: "Wenn man das Ganze kalt übersieht, so bleibt am Ende nichts als ein armseliger Poltron [= Maulheld] von Straßenräuber übrig." Doch je weiter der Tod Bücklers zurücklag, desto üppiger schoss der Schinderhannes-Mythos ins Kraut. In Liedern und Balladen, in Dramen und Puppenspielen, in Romanen und Biografien wurde das Hohelied auf den edlen Räuber gesungen, der das Geraubte verschenkt und mutig gegen die französische Besatzungsmacht gekämpft habe.

Das setzte sich auch im 20. Jahrhundert fort, von Carl Zuckmayers volkstümlichem Schauspiel Schinderhannes (1927) bis zu Helmut Käutners erfolgreichem Kinofilm von 1958 (mit Curd Jürgens und Maria Schell in den Hauptrollen), der den vorläufigen Höhepunkt in der Romantisierung und Verkitschung des historischen Stoffes markiert. Obwohl seit den siebziger Jahren einige seriöse Darstellungen erschienen sind, scheint der Mythos ungebrochen. Mit der realen Figur des Johannes Bückler, diesem gewöhnlichen Räuber und Mörder, hat er freilich nichts zu tun.