Im Laufe des vergangenen Sonntags muss in der CDU-Führung die Entscheidung gefallen sein, den Bundestagsabgeordneten Martin Hohmann aus Fraktion und Partei auszuschließen. Es war der 9. November, der 65. Jahrestag der Reichspogromnacht. An so einem Tag fällt den Vertretern einer christlichen Partei die Begründung besonders schwer, warum sie einen Politiker in ihren Reihen duldet, der öffentlich und überlegt seine antisemitischen Ansichten zum Besten gab.

Am Morgen dieses Sonntags wird in München der Grundstein für die neue Synagoge gelegt. In Anwesenheit Edmund Stoibers nennt es der Präsident des Zentralrates der Juden Paul Spiegel unerträglich, dass jemand Sitz und Stimme im Deutschen Bundestag habe, der rechtsextremes Gedankengut verbreitet. In der Frankfurter Westendsynagoge verteidigt später der hessische Ministerpräsident Roland Koch die Entscheidung, vorerst kein Parteiausschlussverfahren gegen Hohmann anzustrengen. Daraufhin verlassen einige Teilnehmer unter Protestrufen die Veranstaltung und kehren erst zurück, als Koch nicht mehr redet.

Am Abend ist es CDU-Generalsekretär Laurenz Meyer, der noch einmal in der ARD deutlich macht, wie die Partei bis dahin auf den Fall Hohmann reagiert hat. Eingezwängt zwischen Innenminister Otto Schily und dem israelischen Botschafter Schimon Stein, sieht sich Meyer zu drastischen Distanzierungen genötigt. Zugleich muss er immer wieder die Entscheidung rechtfertigen, Hohmann in Fraktion und Partei zu behalten. Je schwerer es Meyer fällt, die faktische Folgenlosigkeit der Hohmannschen Ausfälle begreiflich zu machen, desto schärfer muss er sie verurteilen.

Erst am Montag ist Schluss damit. Genau eine Woche lang haben Angela Merkel und ihre Mitstreiter geglaubt oder gehofft, der Fall Hohmann lasse sich ohne einen klaren Schnitt durchstehen. Nun behauptet die Parteivorsitzende, man habe dem Delinquenten nur eine Woche Zeit zur Einsicht und Umkehr einräumen wollen. Die jedoch habe er nicht genutzt.

In Wirklichkeit hat man an der Spitze der Partei die Dynamik der öffentlichen Debatte vollkommen unterschätzt. Anfangs schien vielen die prompte Rüge sowie die Strafversetzung des Abgeordneten eine angemessene Reaktion. Doch spätestens mit der Entlassung des Bundeswehrgenerals Günzel, der Hohmann zu seiner Rede beglückwünscht hatte, wuchs der Druck auf die CDU, ähnlich entschiedene Maßnahmen gegen den eigentlichen Urheber des Skandals zu verhängen. Doch nachdem es Merkel vor der Entlassung Günzels noch als ausreichend angesehen hatte, Hohmann nur zu rügen, sah sie sich nun außerstande, einen plötzlichen Sinneswandel zugunsten der härtesten aller Sanktionsmaßnahmen zu begründen. Selbst liberale CDU-Abgeordnete empfanden es als einen Akt der Fairness, Hohmann unter verschärfte Beobachtung zu stellen und ihm nun auch die Chance zur Bewährung zu geben. Selbst Edmund Stoiber, der Hohmann am Sonntag besonders scharf kritisierte, sah es wohl so: "Noch irgendeine Kleinigkeit in dieser Richtung, und dann ist Schluss."

Die letzte Chance, die Hohmann am Montagmittag bekam, war die des "freiwilligen Mandatsverzichtes". Merkels Stellvertreter Wolfgang Bosbach und ihr parlamentarischer Geschäftsführer Volker Kauder versuchten, Hohmann die neue Lage begreiflich und den Abgang schmackhaft zu machen. Doch vergeblich. Nach einer Stunde Bedenkzeit lehnte Hohmann ab. So wurde das Ausschlussverfahren eingeleitet, das man ursprünglich vermeiden wollte. Nicht einmal diskutiert hatte die Unionsfraktion vor einer Woche den Skandal. Fraktionssitzungen sind öffentlich, lautet die lapidare Begründung der Führung. Offenbar fürchtete man weitere unliebsame Einlassungen, gar Solidarisierungen mit Hohmann.

Als "Rechtsradikalen" hat der frühere Fraktionschef Friedrich Merz Hohmann bezeichnet. Wolfgang Bosbach zeigt sich dagegen überrascht. Er habe vor dem Bekanntwerden der Rede keine Anzeichen für die radikale Gedankenwelt seines hessischen Kollegen gehabt. Er halte ihn nicht für einen Antisemiten, auch wenn die Rede antisemitische Passagen enthalte. Das sind die Differenzierungen, mit denen man eine Woche lang versucht hat, den Widerspruch aus Abscheu und Reintegrationswillen notdürftig zu überbrücken.

Nun also der Ausschluss: Als Fraktionsmitglied lasse sich Hohmann besser kontrollieren und disziplinieren als im Status des fraktionslosen Abgeordneten, lautete ein gängiger Einwand. Unbehagen an der Spitze bereitete zudem der Gedanke an ein langwieriges Parteiausschlussverfahren. Hohmann, so die interne Einschätzung, hänge an seiner Partei und werde sich gegen das unrühmliche Ende zur Wehr setzen. Nicht zuletzt mit der späten Entscheidung, nachdem zuvor moderate Strafmaßnahmen verhängt worden waren, könne sich ein Einspruch begründen lassen, befürchtet man auch in der Fraktionsspitze. Zudem gibt es die Aussicht auf unliebsame Solidarisierungen.