An einem Kirmeswochenende im hessischen Neuhof ist die Welt noch in Ordnung. Dann sitzt das ganze Dorf – Jung und Alt und Arm und Reich – gemeinsam an Biertischen in einem beheizten Zelt. Die Jungs tragen T-Shirts mit dem Aufdruck "Kirmesnachwuchskompanie", und ihre Hosentaschen sind voll gestopft mit Kümmerling-Fläschchen. Auf der Bühne führt die Dorfjugend ein Volksmusik-Karaoke auf. Das Zelt tanzt und stampft und schunkelt. Es wird gezecht bis morgens um drei, und auf dem Parkplatz knutschen Pärchen unter klarem Sternenhimmel.

In Neuhof ist die Welt nicht mehr in Ord- nung. Neuerdings schreiben Zeitungen über die "schrecklich nette Heimat des Martin Hohmann". Am Sonntagmorgen interviewt ein Fernsehteam vor der Kirche die Gottesdienstbesucher. Zum Kirmestanz am Sonntagmittag tönt es aus Lautsprechern: "Die Kirmestanzpaare lassen mitteilen, dass sie für Stellungnahmen politischer Art nicht zur Verfügung stehen." Applaus. "Die Politik hat hier heute nichts verloren." Applaus.

Dies ist der Wahlkreis des Martin Hohmann. Von Neuhaus nach Fulda sind es 14 Kilometer, nach Frankfurt am Main 89. Man ist konservativ und katholisch. Sonntagmorgens ist die Kirche voll. Sonntagabends und wochentags auch. Wenn der Kaplan nach einer Messe noch eine Weile auf dem Kirchplatz steht, wird er aus fast jedem vorbeifahrenden Auto gegrüßt. Vom Gipfel der riesigen Kalihalde hinter dem Ort leuchtet nachts ein Kreuz.

Hier war Hohmann 14 Jahre lang Bürgermeister. Tüchtig sei er gewesen, erzählen die Leute. Habe für eine Tennishalle im Ort gesorgt und dafür, dass die Autobahn gebaut wird. Hohmann ist Jurist, Major der Reserve. Kein Wirtshauspopulist, sondern ein strenger, trockener Prediger, ein aufrechter Mann. "Hohmann sagt, was sich keiner traut", meint eine junge Frau, an der Hand zwei Kinder. Sie sei froh, in Neuhof zu wohnen. Hohmanns Vorgänger im Bundestag war Alfred Dregger.

Neuhof hat knapp 12000 Einwohner und ist trotzdem ein Dorf, weil sich die Menschen auf acht Ortsteile verteilen. Das Vereinsregister verzeichnet 56 Einträge. Ein Akkordeon-Orchester, je zwei Kegel- und Brieftaubenvereine, ein Internet-Club. Gemeinschaft ist wichtig, Streit störend.

Niemand protestierte am 3. Oktober, als Hohmann beim Festakt zum Tag der Deutschen Einheit judenfeindlich schwadronierte. Die Fotos von der Veranstaltung zeigen den Abgeordneten im dunklen Anzug an einem Stehpult, neben ihm zwei akkurat gestutzte Zierbäumchen. Das Publikum – 150 Leute sollen es gewesen sein – hört ihm konzentriert zu. In der ersten Reihe sitzt seine Nachfolgerin im Bürgermeisteramt, die Arme verschränkt, den Kopf geneigt. Hinten im Saal sind auf dem Buffet schon die Flaschen aufgereiht für den anschließenden Umtrunk. Hohmann habe "einen breiten Bogen" gespannt, steht am nächsten Tag in einem kurzen Bericht der Fuldaer Zeitung. "Der Nationalfeiertag ist dazu angetan, sich mit Gedanken über unser Volk und seine etwas schwierige Beziehung zu sich selbst zu befassen." Die Passagen über Juden werden nicht erwähnt.

Es dauerte vier Wochen und brauchte eine Internet-Leserin in den USA, damit sich jemand über den Inhalt der Rede aufregte und der Skandal ins Rollen kam. In Neuhof "gab es höchstens mal ein Kopfschütteln, ein Wegsehen", sagt ein Mitglied des katholischen Kirchenvorstands. "Jeder hat immer für sich gedacht: Martin, mach mal halblang!" Er erinnert sich an Hohmanns Rede im vergangenen Jahr. Schlimm. Neben dem Kaplan habe er damals gesessen, und sie hätten erst überlegt, ob man aufstehen solle und gehen. Aber nein, "das kann man nicht machen." Nicht in Neuhof.

Man braucht nicht lange zu suchen, um auf Leute zu treffen, denen Hohmanns Rede gefällt. An der Theke im Gasthof Schmitt bekennt ein Mann freimütig: "Wenn ich den Spiegel im Fernsehen seh oder früher den Bubis, da kommt mir alles hoch." Man braucht auch nicht lange zu suchen, um Menschen zu finden, die solche Worte "unsäglich" finden. Sie sind katholisch, wie Hohmann, und erinnern daran, dass man hier in den dreißiger Jahren noch die Zentrums-Partei wählte, während andernorts die NSDAP schon große Mehrheiten errang.