Kein Grund zur Sorge! Brigadegeneral Reinhard Günzel sei nur – meint Verteidigungsminister Peter Struck – "ein verwirrter General", ein Einzelfall. Woher weiß der Minister das so genau? "Wenn es solche Tendenzen gäbe, hätten wir staatsanwaltliche Ermittlungen, und die gibt es nicht."

Richtig ist, dass eindeutig rechtsradikale Vorfälle in der Bundeswehr prompt geahndet werden – oft mit sofortiger Entlassung. Der jüngste Jahresbericht des Wehrbeauftragten für 2002 verzeichnet 111 gemeldete "Besondere Vorkommnisse", Taten mit Verdacht auf rechtsradikalen Hintergrund (2000: 196; 2001: 186). Stets ging es um so genannte Propagandadelikte wie den Hitlergruß oder das Spielen rechtsradikaler Rockmusik. Von den rund 220 Kommandosoldaten der bis vor kurzem von Günzel befehligten Eliteeinheit KSK wurden Einzelne wegen Rechtslastigkeit nachträglich still vor die Tür gesetzt.

Auch der Bundestags-Untersuchungsausschuss von 1998, der sich mit den rechtsradikalen Vorfällen in Hamburg, Schneeberg, Detmold, Varel, Hammelburg und anderswo beschäftigte, hat keine "braunen Netzwerke" enthüllt; immerhin aber wurde befunden, dass der Militärische Abschirmdienst (MAD) ein Viertel seines Personals zur Extremismusabwehr abstellt – und keineswegs mit Schwerpunkt bei den Linken.

Weil bekannt ist, welche Anziehungskraft eine Institution wie die Bundeswehr auf Rechtsextreme ausübt, hat sich die Truppe seit ihrer Gründung vielen demokratisch-rechtsstaatlichen Prägungs- und Kontrollmechanismen unterworfen. Nur: Wie wirksam sind diese Mechanismen heute, nach fünfzehn Jahren Dauerreform und steten Einsparungen, bei einer radikalen Neuorientierung der Bundeswehr zu einer "Armee im Einsatz" mit immer mehr und vor allem immer gefährlicheren Auslandseinsätzen? Empirische Untersuchungen über Mentalität und politische Einstellung der deutschen Soldaten gibt es kaum. Einzelne Studien des Sozialwissenschaftlichen Instituts (SOWI) der Bundeswehr und interne Verschlusssachen wie der letzte Jahresbericht des inzwischen pensionierten Beauftragten für Erziehung und Ausbildung beim Generalinspekteur, Dieter Löchel, lassen aber den beunruhigenden Schluss zu, dass viele Kontrollmechanismen nur noch oberflächlich oder am Problem vorbei wirken.

Gespräche mit Soldaten und Offizieren (von denen sich keiner zitieren lassen möchte) bestätigen dieses Bild. Da wird erzählt von Kreiswehrersatzämtern, die dankbar seien für jeden Kandidaten, der den Dienst nicht verweigert; die Dümmsten, heißt es, würden zu den Fallschirmjägern geschickt, zum tiefen Verdruss der später zuständigen Ausbilder.

Das Kommando Spezialkräfte (KSK), das an die körperlichen und geistigen Fähigkeiten seiner Soldaten sehr hohe Maßstäbe stellt, kommt über 50 Prozent seiner Sollstärke nicht hinaus. Generäle und Oberste berichten erschrocken von der miserablen Ausbildung und Ausstattung ihrer eigenen Söhne während des Wehrdienstes. Offiziersschüler beschweren sich über oberflächliche und veraltete politische Bildungsveranstaltungen. Befehlshaber schütteln den Kopf über ihre leitenden Offiziere, von denen immer weniger studiert haben und von denen nur die wenigsten eine Tageszeitung lesen.

Schwierigkeiten hat auch das Zentrum "Innere Führung", wo "Einsatzseminare" veranstaltet werden, die gemeinhin als vorbildlich gelten. Gelehrt werden unter anderem der Umgang mit fremden Kulturen, die Menschenführung in Extremsituationen und die soziale Wiedereingliederung nach der Rückkehr. Neuerdings müssen die Bundeswehr-Pädagogen den Truppen oft ins Ausland nachreisen, weil es vorher in der Heimat keine Zeit für ein Seminar gab. Kommandeure und Ärzte im Auslandseinsatz sorgen sich um die soziale und seelische Stressfestigkeit der ihnen anvertrauten Soldaten; sie fragen sich, ob durch die Verstetigung und Vermehrung der Auslandsmissionen eine Landser-Mentalität entstehe. "Die Innere Führung", sagt ein junger Offizier bitter, "die können Sie unter diesen Bedingungen komplett vergessen."

Womöglich hat die politisch-militärische Führung während der vergangenen Jahre das Problem dieser schleichenden Erosion des Selbstverständnisses der Bundeswehr erkannt, gedämmt wurde es nicht. Unter den starken Verteidigungsministern Wörner und Rühe war alles der Überwindung des out of area- Tabus untergeordnet; und die Generäle kuschten – oder wurden weggebissen. Ihr schwacher Nachfolger Scharping erschöpfte sich in der Bundeswehrreform und schickte so viele deutsche Truppen ins Ausland wie kein Minister vor ihm. Was einigen Generälen, allen voran dem Heeresinspekteur Helmut ("Tiger-Willy") Willmann die lang ersehnte Chance gab, die militärische Führungskultur in ihrem Sinne umzukrempeln: weg von den Studierten und Technokraten, hin zu den Troupiers. Der Inbegriff dieses Typus, im Guten wie im Schlechten, war der Brigadegeneral Günzel.