Hoffentlich bist du gut in deiner Heimat angekommen. Es war bestimmt keine einfache Reise für dich. Ermüdend muss sie gewesen sein, auch wenn ich alles getan habe, um dir in Rom einen angenehmen Aufenthalt zu bieten. All die haltlosen Vorwürfe, die du dir bei deinem Besuch anhören musstest! Wegen der Terroristen in Tschetschenien, wegen des Räuberkapitalisten Chodorkowskij. Das war ungerecht. Ich habe versucht, dich zu schützen, so gut ich konnte. Denn, lieber Wladimir, merke dir meinen Glaubenssatz: Marmor, Stein und Eisen bricht, aber echte Freundschaft nicht. Das ist eine deutsche Liedzeile, doch du sprichst ja Deutsch. Wenn du einmal Italienisch gelernt haben wirst, dann schicke ich dir meine eigenen Liedtexte, bessere Texte.

Wie du dir denken kannst, habe ich Prügel einstecken müssen, weil ich dich in Schutz genommen habe. Aber bitte, ich bin das ja gewohnt. Es macht mir nichts aus, denn die Anwürfe kommen vom Feind. Er sitzt überall, in den Redaktionen, den Kanzleien der EU-Kommission und in so manchen europäischen Regierungen. Ich will jetzt keine Namen nennen, du weißt ohnehin Bescheid.

Die Etablierten mögen uns einfach nicht. Erinnerst du dich, wie sie sich lustig gemacht haben, als du vergangenen Sommer bei mir in Sardinien ein paar Tage verbracht hast? Was da alles geschrieben wurde?! Dabei waren sie nur neidisch, weil wir uns gut verstehen und weil wir es genossen haben, durch den Park meiner Villa Certosa zu spazieren und dabei über den Irak zu sprechen, über den Kampf gegen den Terror und über die Wirtschaft unserer beiden Länder. Vorbei an den hundert Kakteen, die ich für dich gepflanzt habe. Und darüber der azurblaue Himmel Sardiniens! (Übrigens dieselbe Farbe wie die meiner Partei: Forza Italia.) Kein Wunder, dass die Schreiberlinge vor Wut kochten. Wo gab es das schon, dass man Genuss mit den ernsten Dingen der Weltpolitik so eng verbindet? Dass Weltenlenker auch noch was von der Dolce Vita verstehen? Das gibt es nur bei mir auf Sardinien. Natürlich auch bei dir, in deinem schönen Russland. Auch wenn ich zugeben muss, dass ich sehr gefroren habe, als du mich zum Essen im Freien eingeladen hast – bei minus 21 Grad!

Sorge dich nicht, was auch immer behauptet wird. Es ist nämlich ganz einfach: Die Etablierten können nicht einsehen, dass zwei einfache Menschen wie du und ich, zwei, die von ganz unten kommen, es bis nach ganz oben geschafft haben, bis an die sturmumtosten Gipfel der Weltpolitik. Ich, der Sohn eines kleinen, bescheidenen Bankbeamten, und du, der unscheinbare Diener des Staates. Das geht ihnen nicht in den Kopf. Sie werden uns nie lieben. Den Neid haben sie in ihren Genen. Sie reden von Gleichheit, dabei wollen sie nur die Tüchtigen unten halten. Das ist ja die Crux, Kommunismus ist keine Ideologie, es ist eine anthropologische Deformation. Darum wird er nie verschwinden, und wir müssen immer auf der Hut sein. Aber was rede ich da! Lieber Wladimir, wer könnte das besser wissen als du?!

Die Männer, die mit dem goldenen Löffeln im Mund geboren sind, verstehen nichts von unsereinem – von dem Hunger, den man empfindet, wenn man außerhalb der Paläste geboren ist. Sie fürchten uns und unsere Ambition, so wie sie das Volk fürchten. Denn wir sind Männer des Volkes, denke in deinen schwersten Stunden an diese schlichte Wahrheit. Das wird dich aufrichten.

Mein Volk liebt mich. Und dein Volk, lieber Wladimir, liebt dich. Ich habe bei meinem Besuchen in Russland vielen deiner Landsleute tief in die Augen geschaut. Ich habe darin eine brennende Liebe für ihren Präsidenten, für dich, erkennen können. Darum können wir nichts gebrauchen, was zwischen uns und dem Volk steht, keine Parteien, keine Parlamente, keine Richter, keine Journalisten. Wahre Liebe verträgt nämlich keine Vermittlung, sie ist heiß, direkt, subversiv. Darum, lieber Wladimir, sind wir die wahren Revolutionäre – wir sind Umstürzler im Namen der Liebe.